Nevada Tarapaca

17.06.2010

Als Ralle und ich aufstanden war es noch dunkel, doch dafür wurden wir beim (warm eingepackten) Frühstück mit einem wunderschönen Sonnenaufgang belohnt. Wir liessen uns nicht allzu viel Zeit dafür - es war eh recht kalt - und starteten Richtung Putre.

'Unsere' Berge, die Nevadas de Putre waren schon bald zu sehen. Der höchste Gipfel heisst Tarapaca und war unser Ziel für heute. Obwohl wir die Berge bislang nur von der Rückseite sehen konnten, sah das nach einem ziemlich langen Weg aus.

Kurz vor Putre bogen wir auf eine Piste ab und versuchten anhand unserer eher ungenauen Karte, die Kurve für den Aufstieg zu finden. Das klappte ganz gut, wir brauchten nur 2 Versuche, um die richtige Stelle zu finden. Trotz der Zeichnung in der Karte gab es natürlich keinen richtigen Weg, aber man konnte ein paar Fussspuren erkennen. Ganz falsch konnten wir nicht liegen.

Wir parkten den X-Trail in dieser Kurve (es hatte glücklicherweise gerade genug Platz dafür) und starteten den Aufstieg. Anfänglich führten uns vereinzelte Pfad-Spuren halbwegs gemässigt in mittelmässig groben Gestein in mässiger Steigung direkt auf den Taapaca zu. Hinten im 'Talschluss' (es war eher eine breite Rinne als ein Tal) begrenzten steile Felsen den Aufstieg.

Sowohl vom Gelände als auch von der Karte her war klar, dass wir nach rechts in einen Sattel neben weiteren steilen Felsen aufsteigen mussten, aber beim Anblick der supersteilen Geröll/Sand-Reissen in der Richtung schwante uns Ungutes. Zu Recht, denn je weiter wir in dieser Richtung aufstiegen, umso feiner und steiler wurde die Sandflanke und umso unerkennbarer wurden die Pfadspuren, bis wir schliesslich weglos mitten in der steilen Flanke standen. Und bis zur Scharte über uns war es noch weit.

Das Gestein/Geröll unter unseren Stiefeln hatte die Konsistenz von Blähton auf Sand, was bedeutete, dass wir für jeden Schritt nach oben 2 zurück rutschten. Ich finde es noch immer erstainich, dass so lockeres Zeugs so steil geschichtet liegen kann. So richtig Spass machte das nicht mehr, aber wir bissen uns durch, bis wir endlich den Sattel zwischen den beiden Gipfeln der Nevadas de Putre erreichten.

Dort befindet sich ein schönes breites Plateau, wo das Hochlager für die Besteigung eingerichtet wird, wenn ein Hochlager gebraucht wird. Mehrere kleine flache Sandebenen sind von Steinen umgeben, so dass man dort angenehm windgeschützte Plätzchen finden kann. Wir machten erst mal Pause und betrachteten den Weiterweg.

Um auf den Tarapaca zu gelangen musste man einen weiten Bogen nach Süden gehen, um dann über den Westrücken zum Gipfel zu gelangen. Neben dem langen Weg bedeutet das einen weiteren Aufstieg in so einer sandigen Blähtonflanke wie die, die wir gerade hinter uns gebracht hatten. Dazu war uns die Lust komplett abhanden gekommen, so dass wir den Gipfel rechts von uns genauer betrachteten, der laut Karte nur 100m niedriger war und deutlich weniger Weg bedeutete. Ja, der sprach uns schon viel eher an. In der Karte hatte der Gipfel keinen Namen, also tauften wir ihn kurzerhand 'Tarapaca Chico', Kleiner Tarapaca.

Nach der Hochlagerebene ging es zunächst eine weitere Sand-Stein-Flanke empor. Diese Flanke war nicht ganz so steil und vor allem nicht ganz so lose wie der Aufstieg auf die Ebene, so dass man dort ganz gut gehen konnte. Ich merkte die Höhe nun ganz deutlich. Der Puls hämmerte im Kopf, ich bekam kaum Luft. Ralle verlangsamte seinen Schritt noch weiter, doch mir war bald klar, dass Weitergehen für mich keine Option war, wollte ich nicht ernsthafte Probleme mit der Höhe riskieren.

Auf einem kleinen Sattel fand sich ein schöner grosser Stein, hinter dem sich ein windgeschütztes Plätzchen verbarg. Vom Sattel aus war der Aufstieg bis zum Gipfel gut einzusehen, daher sprach nichts dagegen, dass der Ralle noch zum Gipfel aufstieg, während ich auf ihn wartete.

Während der Ralle also die letzten 150 Höhenmeter zum Gipfel in Angriff nahm, bastelte ich mir ein so warmes Nest wie möglich. Noch war mir schön warm, es galt die Wärme zu bewahren. Der Rucksack diente als Sitzkissen und ich zog sämtliche Kleidung an, die ich dabei hatte. Wenn ich mich dann grad so ans Eck des Felsen verkrümelte, konnte ich Rücken und Kopf anlehnen und mit relativ wenig Felsberührung (Kältebrücke) einigermassen bequem dem Ralle beim Aufstieg zugucken.

150 Höhenmeter in knapp 6000 Meter Höhe sind kein Pappenstiel, daher dauerte es eine Weile, bis der Ralle den Gipfel erreichte. Auf meinem halbliegenden gemütlichen und beinahe sogar warmen Plätzchen fielen mir bald die Augen zu. Nicht lang allerdings, denn ich konnte eines der Phänomene erleben, die im Höhenmedizinbuch beschrieben sind: Aufwachen wegen Luftmangel. Erst sank ich langsam und gemütlich in ein Nickerchen und dann war ich plötzlich hellwach und musste schnaufen wie ein Walross. Das ist eines meiner Probleme in der Höhe: Der Atemreflex passt nicht so richtig zum Sauerstoffbedarf.

Ich stand erst mal auf und lief ein wenig umher, um ordentlich Luft in mein System zu pumpen. Aber das passierte mir dann noch mal, bevor der Ralle endlich den Gipfel erreichte. Er winkte mir von oben zu, ich hüpfte unten auf und ab und winkte zurück. Dann gestikulierte er wild (was genau war schwer zu erkennen, er war grad mal noch Daumennagelgross) und verschwand auf die abgewandte Seite. Ich war ein wenig verunsichert: Was hatte er mir sagen wollen?

Nach ein paar Minuten war er noch immer nicht zurück. Was machte der da oben? Dann fiel mir ein, dass wir beim Aufstieg darüber gesprochen hatten, dass man diese elendig lange Aufstiegsflanke vermutlich auch direlt vom Gipfel des kleinen Tarapaca machen konnte. Abfahren statt Absteigen! Das war bestimmt das, was er gemeint hatte. Ich packte meinen Kram in den Rucksack und sauste zur Hochlagerebene hinab, wo ich erwartete, den Ralle im Abstieg zu sehen.

Aber da war niemand. Am Gipfel aber auch nicht. Und der Sattel mit meinem Stein war von hier nicht mehr zu sehen. Was nun? Hier war er nicht, oben war er nicht, wo dann? Schön langsam wurde mir schlecht. Hier ein Unfall war keine tolle Vorstellung ...

Und dann sah ich ihn kurz am Gipfel auf dem Weg zum Abstieg zum Sattel. Ich winkte wie wild, aber er sah mich nicht. Nun stand ich auf dieser blöden Hochlagerebene und der Ralle würde da oben ankommen und mich nicht finden. Und dann war ich mir gar nicht sicher, ob er in die richtige Richtung absteigen würde. Oooooohje!

Ich warf alle Vorsicht bezüglich Akklimatisation in den Wind und stieg so schnell wie möglich wieder zum Sattel empor. Trotz aller Mühe war das natürlich nicht allzu schnell. Den Ralle sah ich noch 2 Mal kurz in der Gipfel-Region, dann blieb er verschwunden. Es dauerte gefühlte Ewigkeiten, zu diesem Sattel aufzusteigen und ich hatte trotz allen Schnaufens viel Gelegenheit, mir alle möglichen Schreckensszenarien auszudenken.

Als der Ralle dann endlich in Sicht kam, fiel ich vor Erleichterung (und Sauerstoffmangel) erst mal beinahe um. Ralle war natürlich ebenso erleichtert wie ich, denn er hatte sich ebenfalls alle möglichen Schreckens- und Unfall-Szenarien ausgemalt. Wir stiegen zur Hochlagerebene ab und machten erst mal im Windschatten Pause. Ralle hatte mir mitteilen wollen, dass er nur noch ein Stück gehen wollte umd Fotos zu machen und dass ich da bleiben solle, wo ich bin. Was für ein bescheuertes Missverständnis! Wir hätten die Funkgeräte mitnehmen sollen.

Der Abstieg die Sandflanke hinunter war so angenehm wie der Aufstieg unangenehm gewesen war (ausgleichende Gerechtigkeit). Im losen Sand konnten wir gemütlich bis weit hinab 'abfahren' und waren daher recht schnell beim Auto.

Bevor wir zurück auf die Hochebene fuhren, galt es nun in Putre die 'Tankstelle' zu finden. Claudine hatte mir einen Plan gemalt und gut beschrieben, wo wir hin mussten, wir fanden den richtigen Markt auf der Stelle. Aus grossen Kanistern fanden 25 Liter Sprit ihren Weg in unseren X-Trail. Nun stand einem Abstecher ins unbewohnte Hochlang nichts mehr im Weg :-)

Claudine und Yak hatten auch von Kaffee und Kuchen in einem Cafe an der Hauptstrasse gesprochen, doch so richtig stand uns danach nicht der Sinn. Wir wollten lieber zurück zum Campingplatz und dort vielleicht noch ein wenig in der Sonne zu sitzen und ein Bier geniessen.

Ein schöner Plan, doch leider verschwindet die Sonne am Zeltplatz relativ früh. Aus dem Bier wurde bei mir recht schnell Tee und statt Cracker machten Claudine und ich uns eine Suppe heiss ;-) Claudine und Yak hatten sich Parinacota angeschaut und waren auf einen Berg daneben gestiegen, der ein 2 Stunden ersteigbar hätte sein sollen. Sie waren in einer ähnlichen Blähton-Sand-Steilflanke gelandet wie wir und hatten bald genervt aufgegeben. 2 Stunden zum Gipfel war eh völlig übertrieben gewesen.

Während des Kochens und beim Abendessen diskutierten wir den nächsten Tag. Wenn man dem 6000-Buch Glauben schenkte, dann war der Acotango ein schön leichter 6000er, der gerade richtig zum Anfangen mit den 6000ern im Hochland von Chile schien. Den Weg dorthin hatte ich anhand von Google Earth in mein GPS übertragen. Wenn die Piste befahrbar war, sollten wir es eigentlich dort hin schaffen. Dann würden wir sehen, wo und wie der Aufstieg zu machen wäre. Mehr als 'einfach' gab das Buch nämlich nicht her und was die Karte wert war hatten Ralle und ich ja auf den beiden Bergen gestern und heute schon feststellen dürfen: Schön und für den Überblick geeignet, für Details aber nicht geeignet.

Bilder:
Parinacota mit Sturmkappe kurz vor Sonnenaufgang.   Auch die Nevadas de Putre haben eine Sturmhaube.   Rückblick zur Piste. Unten links ín der Kurve unser X-Trail.   Ralle in der steilen Asche-Flanke   Ralle allein auf dem Weg zum Tarapaca Chico   Mein gemütliches windgeschütztes Warteplätzchen   Ralle am Gipfel! (maximales Zoom)   Tiefblick zu meinem Warteplatz, hinten links der Gipfel des Cerro Tarapaca. Weit weg.   Zoomfoto von mir am Warteplatz   Blick Richtung Putre vom Tarapaca Chico   Auftakt zum schnellen und bequemen Abstieg   Blick aus Putre ins Hochland. Links die Ausläufer der Nevadas Putre.   Parinacota und Pomerape über einer der Lagunas de Cotacani.   'Gemütliches' Besammensitzen beim Abendessen.  

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