Baños

21.05.2009

Wie üblich war ich zu früh wach und wie ebenfalls üblich musste der Ralle deswegen ebenfalls aufstehen. Ich weckte ihn zwar nicht, aber von meiner Rumkruschtlerei wurde von alleine wach. So hatten wir eine halbe Stunde Zeit vor dem Frühstück und nutzten die, um auf dem Hacienda-Gelände herumzulaufen und Blumen zu fotografieren. Ganz kurz sahen wir sogar einen Kolibri, der eine der vielen Fütterstationen (hochkonzentriertes Zuckerwasser in Flaschen mit Löchern, aus denen nur langschnablige Kolibris trinken können) im Garten besuchte.

Die Hacienda Leito.
Die Hacienda Leito.

Den Tungurahua, den höchst aktiven Vulkan über Baños sahen wir leider nicht (wohl die Basis, nicht aber die Spitze), dabei hatte Benno gemeint, der würde zur Zeit rauchen. Dafür machten wir gründlich Bekanntschaft mit 'Schulz', dem dicken Mops der Hacienda, der uns fast die ganze Zeit heftig schnaufend hinterher lief.

Schulz.
Schulz.

Beim Frühstück erzählte uns Benno nochmal was wir tun würden und wies darauf hin, dass ein Regenschutz ganz nützlich sei. Während wir unseren Besichtigungs-Ausflug nach Baños machten, würde Gerhard von einem Fahrer mit einem Pick-Up abgeholt werden und nach Leito gefahren werden.

Der Weg, den Paco nach Baños nahm, war mindestens so abenteuerlich wie der Weg von Patate nach Leito. Wir fuhren zunächst weiter in das Tal der Hacienda hinein und schraubten uns dann den Hang auf der Gegenseite hinauf. Oben sah die Landschaft aus wie magisch aus dem Allgäu nach Ecuador transportiert: saftig grüne Wiesen und Hügel, auf denen Kühe weideten, gesäumt von kleinen Wäldchen und durchzogen von mäandernden Bächen.

Kurz drauf verschwand die Strasse wieder in urwaldähnlichem Unterholz und wir fuhren weiter nach oben. Zwischendrin war die Strasse so eng und eingewachsen, dass Benno an einem einzelnen Haus nachfragte, ob wir noch auf dem rechten Weg waren. Waren wir.

Mystische Stimmung auf der Fahrt nach Baños.
Mystische Stimmung auf der Fahrt nach Baños.

Es dauerte dann auch nicht mehr lang, dann konnten wir fast genau senkrecht auf Baños runter gucken, das sich auf einem Basalt-Plateau am Fuss des Tungurahua ausbreitete. Der Teil der Strasse, den man von oben sehen konnte, sah sehr sehr kurvig aus.

Baños.
Baños.

So war es auch, aber die Kehren waren weit genug, dass Paco den Bus problemlos drumherum lenken konnte. An der Brücke nach Baños hielten wir an und guckten in den wilden Fluss unter uns, wo man auch die kleine alte Fussgängerbrücke sehen konnte. Benno erklärte, dass die neue Brücke von der Regierung gebaut worden war, um den Einwohnern von Baños einen schnellen Fluchtweg zu ermöglichen, für den Fall dass der Tungurahua ausbricht.

Wir fuhren erst mal weiter den Fluss hinab, Ziel war Rioverde. Nach ein paar Bogen hielt Paco an einem kleinen Parkplatz an und wir stiegen aus. 'Da drüben ist der Brautschleier-Fall.', erklärte Benno, 'Und da geht eine Seilbahn rüber. Wollt ihr damit fahren?'

Die Seilbahn zum Brautschleierfall.
Die Seilbahn zum Brautschleierfall.

Die 'Seilbahn' war ein schmiedeeiserner Korb an einem dicken Drahtseil, gezogen von einem Lastwagenmotor in einem Betonhäusl. Ganz sicher TÜV-geprüft und Sicherheits-abgenommen. Klar wollten wir damit fahren, heute war doch Touri-Tag.

Der Seilbahnmotor.
Der Seilbahnmotor.

Das war dann auch ganz lustig. Über dem Wasserfall hielt der Korb an und fuhr langsam nochmal zurück zur Flussmitte, bevor er dann mit Vollgas hinauf zur Gegenstation hinauf sauste. Dort stieg ein Indígeno aus und 2 Ingígena-Frauen mit einem Kind und allem möglichen Gepäck stiegen ein.

Kurz drauf kamen wir nach Rioverde, einen kleinen beschaulichen Ort an einem kleinen Flüsschen. Paco parkte an einem grösseren Platz, der ganz eindeutig touristisch geprägt war, es hatte viele Krimskrams-Stände und Imbissbuden.

Benno wies nochmal auf die Regenkleidung hin, da wir jetzt einen Wasserfall besuchen würden, und führte uns auf einen breiten gut angelegten Weg durch den Urwald. Und ja, da unten auf etwa 1500 Metern hatte sich die Vegetation gründlich geändert und da war Urwald. Regenwald, genau genommen, was an der Luftfeuchtigkeit und einem permanenten leichten Nieseln gut zu merken war.

Wir stiegen mit Unmengen Indígenos in viel zu viel bunter Kleidung und vielen Kindern den breiten Weg hinunter, bis wir an ein Maut-Häusl kamen, wo Benno für jeden von uns einen Dollar zahlte. Wir gingen noch ein paar Meter weiter, dann zog Benno seinen Poncho raus und meinte, hier wäre der geegnete Ort, sich wasserdicht einzupacken. Da mochte was dran sein, denn uns kamen viele Leute - vor allem Jugendliche und Kinder - entgegen, die aussahen wie frisch geduscht.

Gespannte Erwartung auf das was kommt.
Gespannte Erwartung auf das was kommt.

Nach weiteren drei Schritten bot sich uns dann ein wirklich beeindruckendes Bild. Von rechts oben toste ein gigantischer Wasserfall in einen Felskessel hinein und zerstob unter ohrenbetäubendem Getöse unten in Myriaden feiner Tröpfchen, die den gesamten Kessel mit einer Art feinen Nebel füllten, der sich umgehend auf jeder Oberfläche absetzte. Der Name des Wasserfalls ist 'El Pailón del Diablo', also sowas wie 'Teufelskessel'. Sehr passend.

Der Teufelskesselfall donnert in seinen Kessel.
Der Teufelskesselfall donnert in seinen Kessel.

Zu Erbauung der Besucher waren von unserem Standpunkt (etwa 20-25 Meter über der Basis des Wasserfalls) Stufen auf verschiedene Plattformen tiefer im Kessel gebaut worden, die umso nasser wurden, je tiefer man kam. Die ganz mutigen (oder Wasser-resistenten) konnten sogar in einer Art Kriechgang am Rande des Fleskessels bis hinter der Wasserfall krabbeln. Wer da wieder raus kam, sah aus, als hätte er in voller Montur geduscht. Wir schenkten uns das Vergnügen ;-)

Wir stehen auf der untersten Plattform.
Wir stehen auf der untersten Plattform.
Bild von Helmut

Den Wasserfall konnte man auch von einer Brücke unterhalb des Falls betrachten, auf die jeweils nur 5 Leute zugelassen waren, was trotz der dicken Stahlseile nicht auf allzuviel Vertrauen zur Technik hindeutete. Die Stahlseile schienen blau lackiert zu sein, doch das war eine arglistige Täuschung, das war nämlich Menninge, irgendwas Bleihaltiges, Fettiges, mit dem wir fast alle dann viel Freude hatten. Davon abgesehen war auch der Blick von unten auf den Teufelskessel-Fall sehr beeindruckend.

'El Pailón del Diablo' von der Brücke aus.
'El Pailón del Diablo' von der Brücke aus.

Wir stiegen zurück hinauf zur Strasse und spazierten über den Rio Verde (der den Wasserfall bildet und tatsächlich aufgrund irgendwelche Mineralien eine grünliche Färbung hat) hinüber in den Ort Rioverde, wo uns Benno in ein sehr hübsches und buntes Restaurant zum Mittagessen führte, das Miramelindo.

Neben der ausserordentlichen Farbigkeit bot das Restaurant auch sonst einiges: witzige Kunstwerke aus allen möglichen Materialien (ein Papagei aus einem alten Autoreifen beispielweise), einen beeindruckend urwaldigen Garten mit vielen Orchideen und Bromelien und 2 grüne Papageien (Aras?), die wir erst eine Weile lang in dem grünen Durcheinander des Gartens suchen mussten.

Einer der beiden Papageien.
Einer der beiden Papageien.

Und es gab fantastisches Essen! Vornehmlich Forellen, die im nahen Rio Verde gezüchtet werden. Ralle und ich nahmen beide die 'Trucha a la Plancha con Yucca', also Grillforelle mit Maniok, und genossen dort das möglicherweise beste Essen, das uns in Ecuador serviert wurde und das will was heissen! Hinterher bekamen wir dann sogar noch einen Expresso spendiert.

Trucha a la Plancha con Yucca.
Trucha a la Plancha con Yucca.

Paco fuhr uns zurück nach Baños, wo uns Benno den Nachmittag frei gab. Baños ist ein ziemlich touristisches Städtchen, so dass man dort ganz gut einkaufen kann. Eine wunderbar bunte Tischdecke an einem der Stoffläden hatte es mir angetan. Nirgends anders gab es eine ähnlich leuchtende Decke, so dass ich beim zweiten Mal Vorbeikommen genau diese Decke haben wollte.

Das erwies sich als einigermassen problematisch, denn die kleine alte Frau in dem Laden schlief gerade tief und fest auf einem Stühlchen inmitten unendlicher Mengen von Stoffen. Sie wurde von einem Jungen geweckt und hatte dann einige Schwierigkeiten, zu verstehen was ich wollte. Schliesslich holte sie die bunte Decke herein und wir begannen mit Hilfe eines Taschenrechners über den Preis zu diskutieren. Am Ende einigten wir uns auf 15$, die ich mit einem 20$-Schein bezahlen wollte.

Daran wäre dann beinahe der Einkauf gescheitert, weil die Dame nicht wechseln konnte. Am Ende konnten Ralle und ich gemeinsam dann doch noch 15$ zusammenkramen und ich kam an meine wunderschöne Decke (die nun das Sofa in meiner Münchner Wohnung ziert :-))

Meine bunte Tischdecke.
Meine bunte Tischdecke.

Neben Kruscht&Krempel-Ständen, diverser Kleinkunst und sonstigen Läden gab es auch haufenweise Süssigkeiten-Läden. Vor jedem dieser Läden standen Männer, die Zuckerstangen produzierten. Dazu zogen und warfen sie fast erkaltete Zuckerrohr-Masse (Melasse?) über einen Haken, zogen sie lang, verdrehen sie und warfen sie wieder über den Haken. Dadurch wird Luft eingeschlossen und die Masse bleibt auch im kalten Zustand einigermassen flexibel, so dass Zuckerstangen und ähnliches daraus gemacht werden können. Natürlich nahmen wir auch ein Päckchen Zuckerstangen mit.

Ein Zuckerstangen-Kneter.
Ein Zuckerstangen-Kneter.

Schliesslich reichte die Zeit noch, um in einer kleinen Kneipe mit erstaunlich guten Bildern an der Wand (keine naive Malerei sondern realistiche und abstrakte Ölbilder von Ecuadors Landschaften, leider keine Zeit, um die genauer zu betrachten und vielleicht zu handeln) Kaffee trinken zu gehen, dann trafen wir uns alle wieder am Bus, wo Benno mit einem frischen Kurzhaarschnitt auftauchte.

Die Kirche von Baños.
Die Kirche von Baños.

Paco steuerte den Bus auf demselben Weg zurück nach Leito, auf dem wir gekommen waren. Da inzwischen das Wetter im Vergleich zum Vormittag um einiges besser geworden war, waren uns auf dem Rückweg einige sehr schöne Blicke auf den Tungurahua und die Spuren seines letzten Ausbruchs vergönnt. Den Gipfel bekamen wir allerdings nach wie vor nicht zu Gesicht. Auch dann nicht, als sich der Tungurahua von der Hacienda aus nochmal zeigte.

Der Tungurahua hinter der Hacienda Leito.
Der Tungurahua hinter der Hacienda Leito.

Gerhard war im Laufe des Vormittags in Leito eingetroffen und erzählte uns ausführlich von seiner Cotopaxi-Besteigung. Der Ralle fand es so im Nachhinein doch ein bisserl traurig, dass er nicht geblieben war, aber meinte dann doch, dass der Touri-Tag in Baños sehr schön gewesen sei.

Beim Abendessen dann wieder Lagebesprechung für den nächsten Tag: Gemütlich Ausschlafen und für den Chimboprazo packen. Auf dem Weg zum Chimbo ein Abstecher nach Salazaca zum Einkaufen und Mittagessen in Ambato. Dann weiter hinauf zum Nationalpark und zum Parkplatz an der alten Hütte und kurzer Aufstieg zur neuen Whymper-Hütte am Chimborazo.

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