Latacunga und Cotopaxi Hütte

19.05.2009

Diese Nacht war die erste in Ecuaror, in der ich tatsächlich gut und durch schlief. Das muss deswegen gesondert erwähnt werden, weil ich normalerweise einschlafe, sobald ich den Kopf auf dem Kissen habe und erst dann aufwache, wenn es Zeit dafür ist. Dass ich um 6 Uhr mit der Helligkeit wach wurde, ist normal. Auch der beste Allgäuer von Allen hatte das erste Mal wirklich gut geschlafen. Tolles Hotel, diese Hostelleria :-)

Gemütlicher Tagesanfang im Schaukelsitz
Gemütlicher Tagesanfang im Schaukelsitz

Vor dem Frühstück liefen wir noch ein bisserl auf dem Hotel-Gelände herum, aber die hotel-eigenen Lamas liessen sich leider nicht dazu bewegen aus der hintersten Ecke des Geheges nach vorn zu kommen. Dafür fiel mir ein kleiner Indígeno mit einem Pappkarton auf, der vor dem Haupthaus auf der Brunneneinfassung sass und auf etwas zu warten schien.

Nach dem Frühstück packten wir die Cotopaxi-Rucksäcke und stopften den Rest wahllos in die Taschen und verfrachteten alles in den Bus. In den zu unserem Erstaunen dann auch der kleine Indígeno einstieg. Im ersten Moment dachte ich noch, Paco würde den Mann netterweise irgendwohin mitnehmen, aber es war dann doch ganz anders.

Der Maler zeigt uns seine Bilder
Der Maler zeigt uns seine Bilder
Bild von Gerhard

Benno stellte uns den Mann als seinen Freund Pedro vor und erklärte, dass er einer der vielen naiven Maler Ecuadors sei und seinen Lebensunterhalt mit dem Malen von Bildern auf Ziegenhäute verdiente. Der Indígeno fing auch gleich an, aus seinem Pappkarton auf Bambus-Rahmen aufgespannte Bilder in verschiedenen Grössen zu ziehen, alle sehr sehr bunt und tatsächlich - alle auf Leder gemalt, gut erkennbar an den Fellresten, die sich noch auf der Rückseite befanden.

Bilder sind nun ganz mein Ding und so beguckten wir uns alle sehr genau. Benno erklärte, welche Legenden auf welchem Bild abgebildet waren, fast überall war ein Kondor und der Cotopaxi zu sehen. Ralle und ich konnten uns recht schnell auf ein 'verkehrt herum' aufgespanntes Bild einigen, auf dem die Legende des Kondors zu sehen ist, der keine Frau unter den Kondoren fand und daher ein Hirten-Mädchen aus einem Dorf am Cotopaxi heiratete. Auch Helmut kaufte ein Bild, so dass sich die Busfahrt für den Maler bestimmt gelohnt hat.

Unser Kondor-Hirtenmädchen-Bild.
Unser Kondor-Hirtenmädchen-Bild.

Der Maler stieg an einer grossen Kreuzung an der Panamericana aus, wir fuhren weiter bis Latacunga, wo Paco den Bus durch schmale Strassen navigierte und schliesslich an einem grossen freien Platz, auf dem es nur so wuselte, anhielt. Benno gab noch durch, wo man sich wann treffen würde, falls jemand verloren ginge, und dann starteten wir ins Getümmel.

Das Gemüse wird ordentlich in abenteuerlichen Stapeln präsentiert.
Das Gemüse wird ordentlich in abenteuerlichen Stapeln präsentiert.

Der Markt von Latacunga ist ein richtiger Indígena-Markt, ein Wochenmarkt, wo die Landbevölkerung ihre Waren anbietet und die Ärmeren von Latacunga einkaufen. Denn in Ecuador ist es genau anders herum wie bei uns, die Betuchteren kaufen im Supermarkt ein und die Armen auf den Märkten.

Das Obstangebot ist nahezu unüberschaubar.
Das Obstangebot ist nahezu unüberschaubar.

Der Markt schien in Sektoren aufgeteilt zu sein, in denen jeweils dasselbe verkauft wurde. Also alle Obststände waren beinander, alles Gemüse, Fisch und Fleisch, Krimskrams und Essenstände. Weder von Fisch noch von Fleisch gab es viel, aber die Menge der Obst- und Gemüse-Stände erschlug einen fast.

Bananen gibt es in erstaunlich vielen Variationen.
Bananen gibt es in erstaunlich vielen Variationen.

Wenn nur irgend möglich, war die Ware wunderbar aufgebaut, erst Pyramiden und dann oben eine Spitze aus mehreren aufeinander gestapelten Tomaten, Äpfeln, Zwiebeln, was auch immer.

Maniok (Yucca) schmeckt wirklich fein.
Maniok (Yucca) schmeckt wirklich fein.

Die Marktfrauen hatten ihre Kinder dabei, die entweder in und um die Stände herum sausten oder noch so klein waren, dass sie in Tragetüchern an der Mutter verstaut waren. Die Frauen mit den Ständen waren sozusagen die Grosshändler, zwischen den Ständen liefen auch Frauen herum, die ihre Waren aus einem Korb heraus verkauften. Der ganze Markt bestand fast nur aus Frauen, wenn Männer zu sehen waren (vor wie hinter den Ständen), dann waren es fast ausschliesslich sehr alte Männer.

Variationen an einem Gewürzstand.
Variationen an einem Gewürzstand.

Nach den unendlichen Obst- und Gemüse-Ständen kamen wir zu 'Getreide und Eier'. Ich kenne ja nur Hühnereier, daher waren die Stände, wo riesige (Gänse?) Eier neben winzigen (Wachtel?) Eiern lagen und die dann alle noch in den unterschiedlichsten Farben (weiss, gelb, braun, grün) schon recht erstaunlich.

Unraffinierter Rohzucker aus Zuckerrohr (Melasse).
Unraffinierter Rohzucker aus Zuckerrohr (Melasse).

Das Getreide wurde gemahlen und ungemahlen aus grossen Säcken heraus verkauft. Fast alle Getreide-Stände hatten eine robuste Mühle, von denen einige auch liefen.

Eine Getreideverkäuferin inmitten ihrer Waren.
Eine Getreideverkäuferin inmitten ihrer Waren.

Danach kamen wir in den Abschnitt mit den Essen-Ständen. Da lagen dann die 'Boah, ich hab Hunger!'-Momente sehr dicht an den 'Igitt! Und das kann man essen?'-Momenten. Ganz schlimm fand ich den Stand, wo gekochte Eingeweide angeboten wurden.

Innereien.
Innereien.

An den Ständen, die krosse Schweinehaut und frittierte was-weiss-ich-für-Schweine-Teile anboten, hätte ich auch eher nichts zu mir genommen, aber es gab auch gegrillte oder frittierte Forellen, bunt gemischtes gekochtes Gemüse und Pasta und sowas, da hätte ich schon mal zulangen mögen. Hier etwas zu essen kam aber natürlich sowieso nicht in Frage.

Krosse Schweinehaut und Eimer voller Schweineschmalz.
Krosse Schweinehaut und Eimer voller Schweineschmalz.

An einem Rand des Markes hatten sämtliche Schuhputzer ihre Stände aufgebaut (Beobachtung am Rande: Fast alle Leute haben 'ordentliche' Schuhe aus Leder an und die sind trotz der verschiedenen Stadien der Auflösung fast alle gut gepflegt) und es sass Hinz und Kunz in den Sitzen und liess sich die Stiefel polieren.

Ein Motorrad-Polizist lässt sich die Stiefel polieren.
Ein Motorrad-Polizist lässt sich die Stiefel polieren.

Wir verliessen den Markt und spazierten durch schmale rechtwinklig angelegte Gassen und teils recht kolonial aussehende Gebäude zur Plaza, dem grossen Platz in der Mitte nahezu jeder ecudarionischen Stadt, wo sich Kirche, Rathaus und sonstige Regierungsgebäude befinden.

Uns fielen Leute auf, die anscheinend Eis ohne Kühlung (und das bei knapp 20 Grad) verkauften, doch Benno klärte uns schnell auf. Das sei kein Eis sondern Eischnee, was dann auch die teils abenteuerlichen Formen der Gebilde erklärte. Das wäre jetzt wieder was gewesen, was ich gern probiert hätte ...

Eine Eischnee-Verkäuferin.
Eine Eischnee-Verkäuferin.

An der Kirche an der Plaza hing ein Bild vom Ausbruch den Cotopaxi und Benno erklärte, dass Latacunga direkt im Weg der unweigerlichen Schlammlawinen liegt, die bei einem Ausbruch des Cotopaxi entstehen. Was in unregelmässigen Abständen, das letzte Mal vor knapp 150 Jahren, auch passiert, aber die Menschen hier sind wie anderswo auch, die haben die Stadt einfach wieder aufgebaut.

Wir konnten nicht in die Kirche, da dort gerade ein Trauergottesdienst statt fand. Gerade als wir wieder gehen wollten, kam die Trauergesellschaft aus der Kirche und der Sarg wurde in einen Bestattungswagen verladen. der Wagen setzte sich langsam in Bewegung und die grosse Trauergesellschaft machte sich geschlossen auf den Weg zum Friedhof, dem Bestattungswagen quer durch die Stadt folgend.

Kurz drauf kam dann Paco mit dem Bus und wir verliessen Latacunga. Wir fuhren auf den Panamericana wieder zurück Richtung Cotopaxi, um in La Cienega, einer der ältesten kolonialen Haciendas Ecuadors, zu Mittag zu Essen. Das war nun wirklich ein hochherrschaftlicher Bau mit einer langen Allee aus riesigen Eukalyptus-Bäumen, die in einem gut gepflegten Rondell mit Springbrunnen endete.

Die Hacienda 'La Cienega'.
Die Hacienda 'La Cienega'.

Innen war das Gebäude noch grossartiger, riesige Räume, uralte Möbel und alles voller alter Gegenstände (teils Kunst, teils Handwerk) und Rosen. Wir bekamen sehr gutes Essen serviert, wobei ich meine Vorstellung von 'Hühnersuppe' stark revidieren musste. Statt einem Tellerchen Gemüsesuppe mit ein wenig zerfasertem Hühnerfleisch wurde mir ein Topf mit einem halben Huhn und Dreiviertel des Gemüsegartens serviert (so in etwa jedenfalls). Das Hauptgericht wäre danach gar nicht mehr wirklich nötig gewesen.

Nach dem Essen fuhren wir weiter zurück auf der Panamericana, bis wir gegenüber der Einfahrt zur Hostelleria Cuello de Luna zur Einfahrt zum Cotopaxi Nationalpark kamen. Der Park war zunächst noch weit weg und wir fuhren lang durch weite Nadelwälder, eine einzige riesige Holzplantage, die direkt an den Nationalpark angrenzt.

Plötzlich meinte Benno: 'Fotografen nach vorn!', gab aber keine weitere Erklärungen. Ralle und Gerhard stürmten nach vorn und guckten mit gezückten Kameras gespannt nach vorn. Die Strasse machte eine kleine Kurve, fiel ein wenig ab ... und dann sauste Paco mit seinem Bus durch eine ziemlich breite Furt in einem Fluss. Wir waren begeistert und Paco machte keinen Hehl daraus, dass ihm das auch gefiel. Er schickte die Fotografen hinaus und fuhr zurück, um ein zweites Mal, diesmal mit noch mehr Karacho, durch die Furt zu sausen. Da wurde es dann sogar innen im Bus nass, denn ein wenig Spitzwasser bahnte sich einen Weg durch die Wartungsklappe im vorderen Teil des Busses.

Paco saust mit dem Bus durch die Furt.
Paco saust mit dem Bus durch die Furt.

Bald kamen wir an die Nationalparkgrenze, wo Benno für jeden von uns 10$ löhnen musste. Danach ging es weiter hinauf, vorbei am Nationalparkmuseum, durch eine weite Schwemmlandsenke, in der grosse Herden halbwilder Pferde leben (die immer wieder geschossen und liegen gelassen werden, um den Kondor, einen Aasfresser, in der Gegend zu halten) und schliesslich am Fuss den Cotopaxi in weiten Kehren nach oben. Der Cotopaxi machte sich eben von den letzten Wolken frei und als wir dann am Parkplatz ankamen, hatten wir einen wunderbaren Blick auf den Cotopaxi mit der Hütte darunter. Rául, Elizabeth, Cristian, Boris und Ráuls roter Pickup waren auch schon da.

Der Cotopaxi mit der Hütte.
Der Cotopaxi mit der Hütte.

Wie Benno versprochen hatte, war der Weg hinauf zur Hütte nicht allzu weit, nach einer knappen Stunde kamen wir oben an. Allzuviele Leute waren nicht in der Hütte, die Franzosen vom Illiniza mit ihrem Bergführer 'Gorilla', zwei deutsche Mädels, die in Ecuador arbeiteten und die mal eben beschlossen hatten, den Cotopaxi zu besteigen und eine Gruppe Soldaten. Die beiden Mädels waren zunächst noch mit ihrem Bergführer auf dem Gletscher, um den Umgang mit Seil und Pickel und Steigeisen (O-Ton: 'Schneedinger') zu üben. Alle Ausrüstung war geliehen. Wir wussen nicht so recht, ob wir die Mädels nun für ihren Mut bewundern oder wegen ihrer Naivität bemitleiden sollten.

Vor der Cotopaxihütte.
Vor der Cotopaxihütte.

Nachdem wir uns im Schlafraum unsere Betten gesucht hatten, gab es wie üblich haufenweise Tee und Cookies, danach Abendessen. Der Wirt schmiss dann sogar den Ofen an und es wurde beinahe mollig warm da oben. Draussen neigte sich der Tag mit klarem Himmel und tollen Lichtspielen am Himmel zuende.

Lagebesprechung für den nächsten Tag: Aufstehen um Mitternacht, Abmarsch um ein Uhr. Dann etwa 6 Stunden Aufstieg bis wir oben am Kraterrand ankommen würden. Hoffentlich.

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