Illiniza Sur

18.05.2009

Pünktlich um Mitternacht sauste Benno um die Zelte und weckte alle. Ob es nun daran lag, dass wir vor der magischen Marke von zwei Uhr morgens aufstehen mussten oder daran, dass der Jetlag oder was auch immer jetzt endlich vorbei war, weiss ich nicht, aber ich hatte das Gefühl, endlich mal vernünftig geschlafen zu haben. Trotz des frühen Aufstehens um Mitternacht.

Nach einem eiligen Frühstück stapften wir wieder im Schein der Stirnlampen los. Wir legten auch etwa dieselben Pausen ein wie am Vortag, aber es war natürlich jeweils noch dunkel. Gegen 4 Uhr erreichten wir die Hütte zwischen den Illinizas und machten weil niemand da war drinnen Pause. Da war es zwar ausgesprochen ungemütlich, weil die Hütte quasi leer war, aber immerhin waren wir da aus dem kalten Wind raus.

Beim Aufrödeln in der Hütte unter den beiden Illinizas.
Beim Aufrödeln in der Hütte unter den beiden Illinizas.

Wir legten Helme und Klettergurt in der Hütte an und stiegen die letzten Meter zum Gletscher auf, den wir eine knappe Stunde später erreichten. Dort stiegen wir in die Steigeisen und teilten uns in die Seilschaften auf. Die schwächsten der jeweiligen Seilschaften wurden in die Mitte genommen, das waren bei den Dreier-Seilschaften Peter und ich. Helmut hatte ja seinen eigenen Führer.

Benno, Peter und Gerhard gingen als erste los, dann folgten Cristian und Helmut und am Ende kamen Boris, ich und Ralle. Zunächst galt es die Nordflanke des Illiniza Sur zu queren, ein etwa 45 Grad steiles Firnfeld, das von losen Steinen und Sand bedeckt war, eine deutliche Erinnerung daran, dass es einen Grund für den frühen Aufbruch gab.

Das Firnfeld war hart gefroren und es gab kaum eine gangbare Spur darin. Mit den Steigeisen war das kein grosses Problem, man musste lediglich die Füsse ordentlich setzen, aber ich verabschiedete mich gründlich vom Vergleich Hintere Schwärze Nordwand (wo wir ja wunderbaren Trittschnee hatten) und fing schon mal an, mich ein bisserl zu graulen. Inzwischen wurde es langsam hell hinter uns, so dass wir endlich sehen konnten, wo wir uns befanden. Die Nordflanke des Illiniza Sur fällt relativ ungegliedert direkt in den kleinen grünen Kratersee der Illinizas ab, unterbrochen lediglich von einem kleinen Felsriegel vor dem der Gletscher ausläuft.

Vor der Aufstiegsflanke zum Illiniza Sur stand uns erst mal ein kleiner Felsriegel im Weg, der sich beim Näherkommen als ziemlich bröseliges Sand/Asche-Konglomerat erwies, dem wir mit Pickelspitze und Steigeisen-Frontzacken zu Leibe rückten. Elegant oder klettern ist anders, aber es war nicht weiter schwierig, den Riegel an der engsten Stelle in einer kleinen Rinne zu überwinden.

Danach ging es zunächst nur mässig steigend und mässig steil ein Stück weiter die Flanke entlang, bevor wir uns in einer breiten Rinne nach oben wandten. Dort wurde es steiler und steiler, aber anstatt halbwegs bequem den Schuh auf eine getretene Stufe stellen zu können, mussten wir weiterhin die Kanten in den harten Firn krallen.

Es wird hell. Blick Richtung Corazón.
Es wird hell. Blick Richtung Corazón.

Mir wurde ziemlich unwohl, vor allem da wir im inzwischen sicherlich 40 Grad steilen Gelände noch immer als Seilschaft gemeinsam unterwegs waren. Ich konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass wir uns im Fall eines Sturzes würden halten können, die Sache mit den Seilschaftsstürzen ist ja schon bei 30 Grad ziemlich kritisch, wie man ja sehr schön bei Herrn Schubert nachlesen kann. Unter uns blinkte nach einer schönen Firnrutschbahn und einer netten Felsriegel-Schanze fröhlich-grün der Kratersee. 'Da fällt doch niemand.', wollte mich der Ralle beruhigen, aber dann hätten wir uns das Gerödel mit dem Seil ja auch sparen können.

Das Gelände wird steiler, vorne baut Benno den ersten Stand.
Das Gelände wird steiler, vorne baut Benno den ersten Stand.

Ich war sehr erleichtert, als Benno einen Stand baute und anfing zu sichern. Boris stieg aber erst mal weiter mit Ralle und mir am kurzen Seil als Seilschaft auf, bis er schliesslich von Benno die Anweisung bekam, ebenfalls zu sichern. Endlich! Cristian und Helmut stiegen alles als Seilschaft auf, aber dass Cristian den leichten kleinen Helmut würde halten können, bezweifelte ich eh nicht.

Die steile Flanke ist ziemlich anstrengend.
Die steile Flanke ist ziemlich anstrengend.

Die hart gefrorene Firnflanke - an den steilen Stellen vermutlich zwischen 45 und 50 Grad steil - war ziemlich anstrengend. Man musste ständig schräg steigen und die Füsse hart seitlich ins Eis setzen, was mit der Zeit sehr ermüdend war und Druckstellen verursachte. Eisklettermässig auf den Frontzacken aufzusteigen, war aber noch stressiger, denn in den harten Firn drang bestenfalls ein halber Zentimeter der Frontzacken ein und die Wadln wurden sehr schnell sehr müde.

Alles in Allem war es deutlich anspruchsvoller als ich vorher gedacht hatte, denn unsere paar Eiswände haben wir bisher nur in den allerbesten Bedingungen gemacht. Für Südamerika waren diese Bedingungen übrigens auch exzellent, die Flanke kriegt man gern auch mal im Blankeis, das gibt dann erst einen Wadl-Spanner!

Je höher wir kamen, umso wohler wurde mir. Es rutschte ja offensichtlich niemand aus, so dass ich das Gespenst des Seilschaftssturzes schön langsam in die hinteren Regionen meines unfolgsamen Geistes drängen und endlich die grossartige Umgebung in vollen Zügen geniessen konnte. Hinter uns leuchtete der Illiniza Norte mit seiner gelben Geröllflanke und je höher wir kamen, umso besser konnten wir in alle Richtungen sehen.

Eiszapfen an der grossen Spalte in der Mitte der Flanke.
Eiszapfen an der grossen Spalte in der Mitte der Flanke.

Der Illiniza Gletscher selber hatte auch einiges zu bieten, Spalten und Abbrüche und sowas, alles garniert mit ewig langen Eiszapfen, über die ich mich eine Weile wunderte, bis mir deren Ursprung endlich klar wurde: Die Äquator-Sonne ist so stark, dass sie den Gletscher umgehend erwärmt, sobald sie scheint. Die Luft aber ist kalt genug, das fliessende Wasser gleich wieder einzufrieren, sobald es aus der Sonne läuft.

Benno, Peter und Gerhard erreichen den Gipfelgrat.
Benno, Peter und Gerhard erreichen den Gipfelgrat.

Dieser Effekt, gepaart mit dem ewigen Wind, ist wohl auch der Grund für die phantastischen Eisformationen auf der Südseite, die wir zu Gesicht bekamen, als wir endlich den Grat zum Gipfel erreichten. Pilzförmige Gebilde hingen weit über die senkrechten Wände nach Süden hinaus. In der Führer-Literatur ist sogar zu lesen, dass dieser 'Pilz' in manchen Jahren in alle Richtungen wächst, so dass gelegentlich der Zustieg zum Gipfel überhaupt nicht möglich ist.

Gerhard am letzten Hindernis vor der Gipfelkuppe.
Gerhard am letzten Hindernis vor der Gipfelkuppe.

Für uns war das kein Problem. Nachdem wir den Grat erreicht hatten, musten wir uns nur noch an einem schneebedeckten Gendarm vorbei quetschen und erreichten dann nach wenigen Metern die runde Gipfelkuppe, wo uns erstaunlich wenig Wind und (noch) grossartige Sicht in alle Richtungen erwartete. Wir waren um 8:20h am Gipfel, fast genau nach Plan. Es war anstrengend gewesen, aber weniger als befürchtet und Peter war diesmal oben so fit wie wir anderen, was ihm echt Auftrieb gab.

Alle am Gipfel des Illiniza Sur.
Alle am Gipfel des Illiniza Sur.

Die Pause ganz oben fiel relativ kurz aus, Benno drängte zum Abstieg. Wir merkten auch schnell weswegen. Inzwischen war nämlich die Sonne weit genug um den Illiniza gewandert, um unsere Route teilweise zu bescheinen. Und da wo die Sonne reinkam, wurde der Schnee unglaublich schnell weich und hatte aufgrund der grob-kristallinen Struktur nur bedingt Halt zum noch gefrorenen Untergrund.

Im Abstieg vor dem Illiniza Norte.
Im Abstieg vor dem Illiniza Norte.

Wir machten uns also vorsichtig an den Abstieg, die einzelnen Seilschaften nun jeweils genau anders herum als beim Aufstieg, die Bergführer oben. Für uns hiess das, dass der Ralle voran ging - und er ging ständig zu schnell so dass ich fast immer Zug auf dem Seil hatte. Der Schnee war weitgehend noch hart gefroren und ich wollte wegen des steilen Abstiegs (immerhin ja teilweise 45 bis 50 Grad) lieber vorsichtig gehen, ganz besonders dann, wenn das rechte (schwache) Knie oben war.

Boris im Abstieg an der Steilstelle vor der Spalte.
Boris im Abstieg an der Steilstelle vor der Spalte.

Wir stiegen weitgehend als Seilschaft ab, die steilste Stelle vor der Spalte sicherte Boris. Das hätte es dann aber zwengs mir auch nicht mehr gebraucht, denn genau da hatte es schöne Stufen ;-)

Peter hatte wegen seiner leichten Bergstiefel (keine harte Sohle) ziemlich Probleme, daher sicherte Benno seine Seilschaft in den steilsten Stellen. Wir liessen sie bald hinter uns und näherten uns dem bröseligen Felsriegel, der im Abstieg noch ein Stück unangenehmer war. Wir einigten uns dann darauf, über das Gebrösel abzuseilen, wobei wir anfangs ein paar Kommunikations-Probleme hatten. 'Abseiling' ist auf Englisch nicht ganz dasselbe wie auf Deutsch ;-)

Ich seile über die Brösel-Rinne ab.
Ich seile über die Brösel-Rinne ab.

Die Nordflanke unter dem Illiniza Sur querten wir recht schnell und immer mit einem halben Auge auf die Felswand über uns. Zurecht, einmal kullerte ein kopfgrosser Felsen mit grossem Gepolter ein paar Meter vor mir über den Pfad.

Benno, Peter und Gerhard kamen gerade in Sicht, als wir schliesslich am Anseilplatz angelangt waren. Bald waren auch die drei unbeschadet bei uns abgelangt. Peter wirkte sehr erschöpft, eine Folge seiner viel zu weichen Stiefel, wie Benno erklärte.

Beim Abstieg sausten Cristian, Boris, Helmut und Gerhard voran, während Peter, Benno, Ralle und ich langsam folgten. Die harten Stiefel taten meinen Füssen und vor allem dem Knie nicht wirklich gut. Ich musste den linken Fuss vorsorglich abtapen und konnte nach der Moräne trotz Gummiknie nur noch hinken. Aua! Peter ging es ähnlich und so humpelten wir beide gegen 14:00h als Allerletzte ins Lager, wo uns bereits feine Suppe, Cookies und Getränke erwarteten.

Ich hatte auf den letzten Metern schon gefragt, ob ich mit Rául und dem Jeep zum Bus hinunter fahren dürfe. Benno meinte das sei kein Problem, dann müssten Cristian und Boris halt auf der Ladefläche runter fahren. Peter musste nicht lang überredet werden und wollte ebenfalls mit dem Jeep runter fahren. Macht ja keinen Sinn, sich auf einem langweiligen Abstieg aufzureiben.

Das Packen des Jeeps war eine Lektion in Improvisation und verletzte ganz sicher mehrere Regeln der Physik. Alle Zelte, Tisch, Kocher und Stühle, die Taschen, die Rucksäcke und das ganze Berggeraffel (Helme, Pickel, Stiefel) wurde in und auf den Pickup geschichtet und mit einem Plastikseil verknotet. Peter und ich falteten uns auf die Rückbank, Elizabeth und Rául stiegen vor ein und die beiden Bergführer stellten sich auf die Stossstange des Pickups, um die Ladung zu sichern.

Der Pick-Up überholt die Zu-Fuss-Absteiger.
Der Pick-Up überholt die Zu-Fuss-Absteiger.

Dann fuhr Rául sehr langsam und vorsichtig, die tiefsten Gräben der Piste möglichst umfahrend zum Bus hinab. Es war unglaublich eng und heiss und unbequem im Pick-Up, die beiden Bergführer hinten drauf hatten meines Erachtens den besseren Platz, aber es schlug den Marsch zu Fuss doch um Längen.

Wir kamen nach eine halben Stunde ziemlich geschüttelt beim Bus an und waren grad mit dem Aus- und Umladen des Gepäcks fertig, als die anderen auch eintrafen. Es war eine Punktlandung, kaum waren alle im Bus, fing es an zu regnen.

Die Route der 3 Tage an den Illinizas.
Die Route der 3 Tage an den Illinizas.

Paco kutschierte uns zurück zur Panamericana und ein Stück weiter nach Süden zur Hostelleria 'Cuello de Luna', was 'Hals des Mondes' auf Spanisch und somit genau dasselbe wie 'Cotopaxi' auf Quechua bedeutet. Das hat natürlich einen Grund: Die Hostelleria liegt etwas versteckt genau gegenüber der Zufahrt zum Cotopaxi Nationalpark.

Die Hostelleria ist recht rustikal aber sehr hübsch eingerichtet. Jedes der Zimmerchen hat einen eigenen Kamin, wir nutzten jedoch das kleine elektrische Heizöfchen, um das Zimmer warm zu bekommen. Das Hotel liegt auf etwa 3300 Metern und ohne Heizung ist es da abends auch direkt am Äquator ziemlich klamm.

Abendessen gab es im gemütlichen Haupthaus der Hostelleria, aber danach hielten wir es alle nicht mehr lang aus. Die vielen Nächte mit wenig Schlaf forderten Tribut. Ich glaube, nicht nur ich schlief fast auf meinem Stuhl ein.

Kurz vor dem kollektiven Zusammenbruch noch die Lagebesprechung für den nächsten Tag: Ausschlafen, dann Touri-Programm, nämlich ein Bummel über den Indígena-Markt von Latacunga. Am Nachmittag dann mit dem Bus in den Cotopaxi-Nationalpark und gemütliches Aufsteigen zur Hütte, weder lang noch weit. Die eigentlich im Programm vorgesehene Übung am Cotopaxi-Gletscher mit Steieisen und Seil könnten wir uns nach dem Illiniza Sur ja schenken.

Und dann ab ins wunderbare warme gemütliche Bett zum Schlafen!

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