Illiniza Norte

17.05.2009

Obwohl ich eigentlich erwartet hatte, nach den letzten eher kurzen Nächten nun wirklich wirklich gut zu schlafen, war ich schon wieder um 2:00h wach. Lästig das! Danach wieder Schlafen auf Raten und das trotz der himmlischen Ruhe, der wunderbaren Daunen-Luftmatraze und dem passend warmen Schlafsack.

Gehorsam hatte ich mir meinen Wecker auf kurz vor vier gestellt, aber das war unnötig. Benno ging kein Risiko ein und kam um 4 Uhr alle wecken. Nach einem kurzen Frühstück waren wir um fünf Uhr abmarschbereit und stapften im Schein der Stirnlampen los in Richtung der Illinizas. Über uns ein grossartiger Sternenhimmel, das Wetter würde gut werden!

Der Weg vom Zeltplatz zu den Illinizas ist anfangs eher weit als steil und führt durch lichten Wald und Buschwerk. Der gesamte Rücken, über den man geht, besteht aus feinem Sand und leichter Vulkanasche und ist von wüsten Wassergräben durchzogen, die teilweise schon mal 3 Meter tief sind. Immer wieder muss man solche Gräben queren oder hindurch steigen. Im Dunklen fiel das gar nicht besonders auf, aber am Rückweg dann.

Die beiden Illinizas leuchten im Morgenlicht.
Die beiden Illinizas leuchten im Morgenlicht.

Benno ging sehr sehr langsam und gleichmässig, was mir natürlich sehr entgegen kam (den anderen vermutlich auch, von mir weiss ich es aber genau). Nach anderthalb Stunden war es dann hell und wir machten die erste Pause. Den Illinizas waren wir inzwischen ein deutliches Stück näher gekommen und sie wurden von der Morgensonne wunderbar beleuchtet. Besonders das gelb-rötliche Gestein des Illiniza Norte kam bei diesem Licht gut zur Geltung.

Die Sonne geht auf.
Die Sonne geht auf.

Die Pause war nur kurz. Bald erreichten wir die Moräne, die vom Illiniza Sur herab führt und stiegen darauf erst in grossen dann in kleinen Kehren hinauf. Das war dann schon ein Stück anstrengender als der flache Zustieg vom Zeltlager, aber die wunderbaren Ausblicke in alle Richtungen liessen die Anstrengungen schnell vergessen, egal wie heftig man schnaufen musste.

Im Gegenlicht steigen wir die Moräne hinauf, zwischen uns spitzt der Cotopaxi durch.
Im Gegenlicht steigen wir die Moräne hinauf, zwischen uns spitzt der Cotopaxi durch.

Nach den versprochenen 3 Stunden erreichten wir tatsächlich die Hütte, in der sogar einige Leute übernachteten, obwohl Benno meinte, die Illinizas seien im Moment mehr oder weniger 'between huts', weil eine neue grössere schönere Hütte gebaut werden sollte. Dazu hatte man die alte Hütte bereits de-aktiviert (also Betten und Matratzen, usw. weitgehend entfernt), doch von der neuen Hütte waren bisher lediglich die ersten Ladungen Betonsteine zu sehen, die hinter der alten Hütte lagerten.

Die leuchtend gelbe Hütte unter dem Illiniza Sur.
Die leuchtend gelbe Hütte unter dem Illiniza Sur.

Wir machten Pause in der Sonne im Windschatten vor der Hütte. Benno sprach mit einigen der Leute in der Hütte und erzählte dann, dass eine Bergsteigergruppe einer Universität auf der Hütte war und verschiedene Anstiege auf die Illinizas vorhatte. Darunter eine starke Gruppe, die den brüchigen und schweren Ostgrat des Illiniza Sur machen wollten. Tatsächlich konnten wir auch Leute am Ostgrat sehen, die die ersten Felsen bereits hinter sich hatten und oberhalb eines steilen Firngrates standen.

Nach einigen Erfrischungen gingen wir weiter. Der Weg führte zunächst noch deutlich in die Scharte zwischen den beiden Illinizas, verlief sich dann aber vor dem Illiniza Norte, wobei ein paar Spuren in die geröllige Westflanke führten und andere in die Felsen am Grat.

Am Grat zum Illiniza Norte.
Am Grat zum Illiniza Norte.

Benno stieg direkt zum Grat hinauf, wobei wir uns meistens eher links hielten. Der Fels war fest und überhaupt nicht schwer und das gelbe sandige Zeug dazwischen war noch fest gefroren, so dass der Aufstieg richtig Spass machte. So langsam konnte man auch die Nordwest-Flanke des Illiniza Sur sehen, über die wir am nächsten Tag aufsteigen wollten.

Der Illiniza Sur mit dem steilen Normalweg über die Nordostflanke.
Der Illiniza Sur mit dem steilen Normalweg über die Nordostflanke.

Ui, das sah aber steil aus! Ich tröstete mich damit, dass die Nordwand der hinteren Schwärze das ja auch getan hatte.

Die Route auf den Illiniza Sur.
Die Route auf den Illiniza Sur.

Weit hinten tauchte schliesslich auch der Chimborazo aus den Wolken auf, so dass wir den nun auch den mal gesehen hatten. Apropos Wolken. Schon wieder drückten sowohl vom Pazifik als auch vom Amazonas Wolken ins Hochland.

Weit hinten spitzt hinter dem Illiniza Sur der Chimborazo durch.
Weit hinten spitzt hinter dem Illiniza Sur der Chimborazo durch.

Die Vulkane der Ost-Kordilliere waren schon wieder ganz eingehüllt und auch den Chimborazo umspielten schon Wolken.

Die letzten Meter Aufstieg zum Illiniza Norte.
Die letzten Meter Aufstieg zum Illiniza Norte.

Kurz vor dem Gipfel versperrt uns eine senkrechte Wand den direkten Weg zum Gipfel. Benno wich nach rechts aus und wir querten die Ostflanke auf dem 'Paso de Muerte' ('Todesweg' oder etwas in der Art) bis knapp vor den Nord-Grat, wo wir dann in einer steilen sandigen Rinne etwa 20 Meter ziemlich gerade nach oben krabbeln mussten, um wieder festen Fels zu erreichen.

Geschafft! Alle sind oben am Gipfel des Illiniza Norte.
Geschafft! Alle sind oben am Gipfel des Illiniza Norte.

Der Rest zum Gipfel war dann wieder einfach zu gehen, wobei sich 'einfach' lediglich auf die technische Schwierigkeit bezieht. Am Gipfel war ich ziemlich kaputt und sehr sehr froh, nicht mehr weiter gehen zu müssen. Nach 4 Tagen Ecuador waren wir nur bereits auf mehr als 5100 Metern. Kein Wunder, dass ich da einen Druck auf dem Schädel hatte.

Gipfelkreuz des Illiniza Norte vor dem Illiniza Sur.
Gipfelkreuz des Illiniza Norte vor dem Illiniza Sur.

Verglichen mit Peter ging es mir aber prächtig. Der schien sich mit letzter Kraft zum Gipfel geschleppt zu haben und sass nun sehr erschöpft mit kalkweissem Gesicht vor dem Gipfelkreuz und hatte rasende Kopfschmerzen. Trotz Ibuprofen.

Vom Gipfel konnten wir den Normalweg zum Illiniza Sur in aller Schönheit bewundern. Allerdings fast in der Draufsicht, so dass die Steilstücke der Firnflanke wirklich verdammt steil aussahen. Die Bergsteiger der Uni-Gruppe hatten den Ostgrat inzwischen hinter sich und befanden sich gerade im Abstieg. 3 Leute, die gerade ziemlich locker die steilste Stelle des Normalweges (optisch von uns aus gesehen fast senkrecht) abstiegen. Schien problemlos zu sein.

Unter uns konnten wir 3 Leute sehen, die unseren Abstiegsweg aufgestiegen waren, nämlich durch die lange Sandflanke, über die war abzufahren gedachten. Wenn das mal nicht Hochleistungs-Bergsteigen war!

Im Abstieg spach Benno mit deren Bergführer, den er kannte (weil sich wohl alle ecuadorianischen Bergführer kennen), ein grosser kompakter Kerl mit vielen Muskeln (er wird 'Gorilla' genannt, erzählte Benno später) und der meinte auf die Frage, warum er seine beiden französischen Gäste denn diesen Weg hinauf geführt habe lapidar: 'Das macht starke Beine.' Na Danke!

Abstieg vom Gipfelaufbau.
Abstieg vom Gipfelaufbau.

Der Abstieg war in der sandigen Felsrinne so scheusslich wie befürchtet (Ich mag sowas nicht, das Zeug unter meinen Füssen muss fest sein!) und weiter unten im Geröll so angenehm wie erwartet und erfreulich knieschonend. Was dann vom weiteren Abstieg entlang des langen Rückens zum Lager nicht mehr behauptet werden konnte, vor allem da Benno ein ziemliches Tempo beim Abstieg vorlegte. Wo wir (ich) doch immer so langsam und vorsichtig absteigen.

Lässiger Abstieg über lockeren Sand.
Lässiger Abstieg über lockeren Sand.

'Lustig' war es dann, unten einen dieser elendstiefen Wassergräben zu queren. Der Schritt war nicht weit, vielleicht anderthalb Meter, aber dafür war es darunter locker 3 Meter tief und steil und wäre man reingefallen wäre es nicht einfach gewesen, wieder rauszukrabbeln. Naja, ging dann doch (Feigling, ich).

Beim Abstieg: Ich quere aus einer Rinne herausgespülte Asche.
Beim Abstieg: Ich quere aus einer Rinne herausgespülte Asche.

Der Abstieg war nicht nur mir schwer gefallen, sondern auch dem Peter, bei dem zu den hämmernden Kopfschmerzen auch teilweise Schwindel dazu gekommen war und der nun ganz frustriert war, weil er offensichtlich mit der Höhe nicht zurecht kam. Alle versuchten ihm Mut zuzusprechen, das mit der Akklimatissation funktioniert nicht bei Allen gleich. Manche brauchen einfach länger und eine weitere Nacht auf 4000 Metern würde auf jeden Fall gut tun.

So ganz überzeugt war er wohl nicht, aber nach einer Weile kam immerhin seine fröhliche Natur wieder raus und es wurde ganz lustig im Küchenzelt, wo uns zunächst eine ausgezeichnete Quinoa-Suppe serviert wurde und dann Tee und Kaffee und Cookies.

Den Nachmittag hatten wir frei und diesmal zwang mich niemand zu einem Spaziergang ;-) Stattdessen gab es in Voraussicht auf den Schlafentzug der kommenden Nacht ein nachmittägliches Nickerchen. Kurz vor dem Abendessen holte Rául unsere beiden Bergführer in Chaupi ab und die brachten uns Helme und Pickel mit, die gleich verteilt wurden. Helmut und Peter schauten sehr zweifelnd auf das Zeug und es kamen auch Töne wie 'Ob das wirklich eine gute Idee ist?' Aber nun war die Sache schon mal organisiert, also würden wir auf jeden Fall losgehen.

Lagebesprechung für den nächsten Tag: Wecken um Mitternacht, Start um 1 Uhr. Wie gehabt 3 Stunden bis zur Hütte, dann eine bis zum Gletscher. Benno plante um 8 Uhr am Gipfel zu stehen. Die Seilschaften wurden auch gleich aufgeteilt: Benno und Gerhard nahmen Peter ans Seil, Helmut bekam Cristian zugeteilt und Ralle und ich kamen zu Boris and Seil.

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