Guagua Pichincha

15.05.2009

Auch in dieser Nacht fanden wir es ziemlich schwierig, vernünftig zu schlafen. Ab 2.00h waren wir beide stündlich wach.

Das lag einerseits daran, dass der Grossstadt-Lärm von Quito (weniger direkter Auto-Lärm als Alarmanlagen-Gepiepse, Gehupe und ähnliches) sowohl bei offenem als auch bei geschlossenem Fenster durchdringend zu hören war und andererseits daran, dass unser grosses Bett mit einer einzigen Matratze versehen war, auf der man fröhlich zu schaukeln begann, sobald sich der andere umdrehte.

Die Sache mit der gemeinsamen Decke war auch gewöhnungsbedürftig, denn wir halten beide unsere Decken eisern fest und wenn man sich mit einer fest umklammerten Decke umdreht, liegt schnell mal der andere im Freien. Ausserdem war die Sache mit den Jetlag vielleicht auch noch nicht ausgestanden.

Blick aus dem Hotelfenster: Die Sonne geht auf.
Blick aus dem Hotelfenster: Die Sonne geht auf.

Wir waren jedenfalls beide um 5 Uhr endgültig wach und stapften gegen dreiviertel sechs hinunter zum Frühstücks-Buffet. Wenn man schon wach ist, kann man sich die Zeit ja auch mit angenehmen Aktivitäten - einem ausgiebigen Frühstück beispielsweise - vertreiben. Es dauert auch diesmal nicht lang, bis uns Gerhard und Peter Gesellschaft leisteten, während wir Helmut auch heute erst beim Abholen zu Gesicht bekamen. Im Gegensatz zu gestern sah man heute die Antennen auf dem Stück Hügel hinter Quito, der aus dem Frühstücksraum zu sehen war, und dahinter spitzte bereits blauer Himmel durch die Wolken.

Wahrscheinlich war es gut, eine Stunde früher dran zu sein, denn der Verkehr war bereits sehr dicht. Paco fuhr auf die Umgehungsstrasse um Quito, die laut Benno den Verkehr in Quito seit ihrem Bau beträchtlich entzerrte und stauten uns darauf nach Süden, bis Paco schliesslich nach rechts oben abbog, um uns nach Lloa zu bringen.

Als der Bus ein ganzes Stück den Hügel zwischen Quito und Lloa hinauf gefahren war, liess Benno halten und wir konnten uns endlich mal die Gegend über und hinter Quito in aller Ruhe anschauen. Das Wetter war Klasse, blauer Himmel über und hinter uns, auch wenn man sehen konnte, dass die Wolken aus dem Amazonas-Gebiet schon an der Cordillera Oriental anstanden und sicherlich bald ins Hochland schwappen würden.

Blick über Quito mit (von rechts):<br/>Ruminahui, Cotopaxi, Pasochoa, Sincholagua und Antisana (ein Stück rechts in Wolken).
Blick über Quito mit (von rechts):
Ruminahui, Cotopaxi, Pasochoa, Sincholagua und Antisana (ein Stück rechts in Wolken).

Benno zeigte uns Cotopaxi und Rumiñahui, die breit und grossartig vor uns standen (davor der kleine Pasochoa, unser Berg von gestern), und den Antisana, der weit hinten über die Wolken ragte. Genau gegen die Sonne konnte man sogar den Cayambe erkennen, wenn man sich anstrengte. Hach!

Wir fuhren nur kurz weiter und hielten oben auf dem Hügel vor Lloa nochmal an und durften den Blick in die andere Richtung auf den Pichincha geniessen, der sich hinter einer unglaublich grünen und saftigen Felder-Landschaft erhob. Links der Guagua Pichincha (wird 'Ua-Ua' gesprochen), in der Mitte der Padre Encantado und rechts der Rucu Pichincha. Der Gipfel des Guagua Pichincha war nicht zu sehen, man konnte lediglich bis zum Vorgipfel gucken. Und wenn man ganz genau hinsah, liess sich sogar die Hütte erkennen.

Da liegt er vor uns, der Pichincha; links der Guagua Pichincha.
Da liegt er vor uns, der Pichincha; links der Guagua Pichincha.

Paco fuhr uns zunächst auf der ganz normalen Teerstrasse hinab nach Lloa und bog dann auf einen schmalen Feldweg ab, der bald mit meterhohen erdigen Seitenwänden (man hatte die Strasse durch eine Erhebung durchgebuddelt, anstatt sie darüber zu führen) beinahe zu einem Tunnel wurde. Der Weg war ziemlich genau so breit wie der Bus, so dass eigentlich nur zu hoffen blieb, dass uns kein Fahrzeug entgegen kommen möge, ausweichen wäre da nicht möglich gewesen.

Als es dann langsam nach oben ging, sanken die Seitenwände wieder und Paco kletterte mit dem Bus langsam aber stetig immer höher, bis wir auf etwa 3700 Metern Höhe eine Kreuzung erreichten. Dies sei die letzte Stelle zum Umdrehen, meinte Benno, man könne zwar bis zur Hütte hinauffahren, aber dafür bräuchte man ein Allrad-Fahrzeug. Das war OK, schliesslich wollten wir ja zu Fuss gehen, wie sonst sollten wir die Akklimatisation für die wirklich hohen Berge hinbekommen?

Paco und sein Bus an der letzten Feldweg-Kreuzung.
Paco und sein Bus an der letzten Feldweg-Kreuzung.

Wir spazierten gemütlich über den Fahrweg ein paar Kehren weiter, dann zeigte uns Benno einen lokalen Klettergarten am Rand der Strasse. Während wir noch die Routen diskutierten ging Benno ein paar Schritte weiter und verschwand unversehens in der dichten Vegetation auf der anderen Strassenseite. Also diese Abzweigung findet man nur, wenn man genau weiss, wo sie ist.

Kurz nachdem wir die Strasse verlassen haben: Wandern durchs Páramo.
Kurz nachdem wir die Strasse verlassen haben: Wandern durchs Páramo.

Wir schlängelten uns ein paar Meter auf einem schmalen Pfad durch die Büsche und wanderten dann gemütlich durch langes Gras (Páramo) erst hinab zu einem Bach, dann in vielen Kehren über eine Flanke hinauf zu einem Rücken und kamen dann wieder auf die Strasse zur Hütte, der wir weiter folgten.

Die Blume des ecuadorianischen Bergsteigervereins: Chuquiragua
Die Blume des ecuadorianischen Bergsteigervereins: Chuquiragua

Ab dem oberen Teil des Rückens trafen wir auf viele ziemlich stachelige Sträucher, deren Äste alle in leuchtend orange-farbenen Blüten endeten. Das sei der (oder die?) Chuquiragua, erklärte Benno, die Symbol-Blume des ecuadorianischen Bergsteigervereins, so wie das Edelweiss für sämtliche Alpenvereine.

Auf der Strasse zur Hütte am Pichincha.
Auf der Strasse zur Hütte am Pichincha.

Obwohl wir heute deutlich höher waren als gestern, fiel mir das Steigen um einiges leichter, was vermutlich damit zu hatte, dass man am Tag nach einer so langen Reise mit der Zeitverschiebung und allem halt doch gestresst ist.

Wir nähern uns dem Kraterrand.
Wir nähern uns dem Kraterrand.

Von der leuchtend rot gestrichenen Hütte war es nicht mehr weit zum Kraterrand. Da hätte uns laut Benno eigentlich ein toller Blick in den Krater des noch aktiven Guagua Pichincha erwarten sollen, wo man auch sehen kann, dass es hier und da raucht. Stattdessen empfing uns ein reichlich kühler Sturm und im Krater waberte dichter Nebel. Immerhin roch es stellenweise wie versprochen stark nach Schwefel ;-)

Pause im Nebel im warmen Krater des Pichincha.
Pause im Nebel im warmen Krater des Pichincha.

Erstaunlichweise war es im Krater (also auf der Innenseite oben am Rand, der Krater fällt sehr steil ab) richtig warm und gemütlich. Sobald man sich aber dem Rand näherte, wo einen der Wind erwischte, wurde es schnell kalt.

Im Sturm geht es am Kraterand weiter.
Im Sturm geht es am Kraterand weiter.

Wir lehnten uns gegen den Wind und stapften die letzten Meter zum Vorgipfel hinauf, von aus man den Hauptgipfel wenige Minuten enfernt in lichten Momenten sehen konnte. Nach ein paar Metern Kraxelei (vorne runter, hinten hoch) und einer kurzen sandigen Gratwanderung (dazwischen) fanden wir uns alle am Gipfel des Pichincha ein, wo uns die von der vormittäglichen Sonne aufgeheizten Lavasteine vor dem Wind schützten und wärmten. Es war richtig gemütlich.

Gruppenbild am Gipfel des Pichincha.
Gruppenbild am Gipfel des Pichincha.

Die Küche hatte sich wieder alle Mühe gegeben und neben Sandwiches auch ein tolles kaltes Mittagessen aus Kartoffeln, Gemüse und Hühnchen gemacht, das ganz klasse schmeckte. Sogar Peters ausgeprägter Käse-Abneigung war Rechnung getragen worden, allerdings mussten wir alle erst mal unsere Lunchpackete durchsuchen, um das Eier-Sandwich zu finden. Es war zwar markiert, aber wir hatten nicht drauf geachtet.

Für den Abstieg nahmen wir nicht den wIndígen Grat sondern fuhren (zu Helmuts eher geringer Begeisterung) den sandigen Kraterrand ab, nach aussen natürlich, nicht hinein. So liessen sich die ersten 400 Höhenmeter recht gemütlich absolvieren, dann landeten wir wieder auf der Strasse und stapften Paco und seinem Bus entgegen.

Bequemer Abstieg über lockeren Sand.
Bequemer Abstieg über lockeren Sand.

Paco schien geahnt zu haben, dass mein Knie die harte Strasse nicht mochte und war uns mit dem Bus ein paar hundert Meter weit rückwärts entgegen gekommen. 50 Höhenmeter gespart ist zwar nicht viel, aber da zählt doch der Gedanke :-)

Wir schlängelten uns durch den dichten Feierabendverkehr zurück zum Hotel und begaben uns nach einer kleinen Frischmachpause zum Essen ins 'The Magic Bean', die erste Adresse in Quito, wenn es um Weltreisende, Abenteurer und Aussteiger geht, wie Benno erklärte.

Inwieweit das stimmt, kann ich nicht beurteilen, aber es war ausnehmend nett und wunderbar bunt da drin, es hatte haufenweise Touristen, die alle sehr 'individuell' aussahen und das Essen war ausgezeichnet und reichlich. Absolute Empfehlung!

Nachdem Gerhard und Benno dauernd von den tollen Säften schwärmten und das Magic Bean eine riesige Auswahl davon hatte und dann auch noch so wunderbare Kombinationen wie 'Tropical Sunrise', Ananas gemischt mit Erdbeere, fing dort meine Faszination mit den frisch pürierten Säften ('gepresst' kann man da in den wenigsten Fällen sagen). Boah, war das gut! Vermisse ich immer noch.

Lagebesprechung für den nächsten Tag: Ausschlafen. Wir werden um 09:30 abgeholt und fahren dann nach Chaupi, um in aller Gemütlichkeit zum Lager unter den Illinizas zu spazieren.

Unser Weg auf den Guagua Pichincha von oben.
Unser Weg auf den Guagua Pichincha von oben.

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