Chimborazo

23.05.2009

Die kurze Nacht in der Whymper-Hütte war um einiges angenehmer als in der Cotopaxi-Hütte, mir war nämlich mollig und kuschlig warm, was einerseits daran lag, dass es in den Schlafraum nicht so reinzog, aber auch daran, dass ich meine bewährte Aluflasche voll heissem Wasser mit im Schlafsack hatte :-)

Um 11 Uhr weckte uns Benno und es gab das gewohnt schnelle Frühstück. Kurz vor Mitternacht waren wir abmarschbereit und sammelten uns vor der Hütte. Erstaunlicherweise hatte sich das schlechte Wetter zum deutlich Besseren gewendet. Es lag zwar überall Schnee, aber über uns war klarer Himmel mit Sternen zu sehen. Natürlich hatte es auch Wind, der war aber an der Hütte (noch) nicht allzu stark.

Aufbruch um Mitternacht.
Aufbruch um Mitternacht.
Bild von Gerhard

Wie gehabt marschierten wir zunächst ohne Steigeisen bis zum Start des Schnees (etwa eine Stunde), wo wir Steigeisen anlegten, und dann weiter bis zum Start des Gletschers (etwa noch eine halbe Stunde), wo wir uns in die gewohnten Seilschaften aufteilten. Benno ging wieder betont langsam und fragte gelegentlich Peter, Helmut und mich, wie es uns ginge. Gut bisher!

Zustieg zum Gletscher auf frischem Schnee.
Zustieg zum Gletscher auf frischem Schnee.
Bild von Gerhard

Zum Chimborazo steigt man von der Hütte zunächst durch eine Flanke auf einen Grat, den man direkt hinter einem Felsaufbau ('El Castillo') erreicht. Nach ein paar Metern Geröll und Fels verbreitert sich der Grat zu einem Rücken ab und man steigt darauf immer weiter und weiter nach oben. Anfangs muss man eine Steilstelle überwinden, dann bleibt die Steigung weitgehend gleichmässig.

Die Steilstelle war sehr anstrengend, aber sonst ging es mir gut. Natürlich hatte es Wind, inzwischen ziemlich heftigen Wind sogar, aber es war kaum mit den Bedingungen beim Cotopaxi vergleichbar. Neben der eigentlichen Anstrengung des Steigens war die ewig gleichbleibende Steigung des Rückens anstrengend, weil man die Füsse immer seitlich in den Schnee setzen musste.

Eine Pause.
Eine Pause.
Bild von Gerhard

Sergio, Ralle und ich waren ein bisserl langsamer als Benno, Gerhard und Peter, aber Benno wartete in regelmässigen Abständen auf uns und fragte dann auch nach dem Befinden. Bei mir nach 600 Höhenmetern Aufstieg (etwa 3 Stunden nach dem Start) noch immer ganz gut, aber Peter ging es ziemlich schlecht, er wollte Umdrehen. Nein, er musste umdrehen, man sah ihm an, dass er völlig am Ende war.

Für mich bedeutete das, zu entscheiden, ob ich mit Benno, Gerhard und Ralle weitergehen oder mit Sergio und Peter absteigen wollte. Würde ich mit den starken Bergsteigern mitgehen und dann nicht mehr können, würde keiner den Gipfel erreichen (Benno sagt das auch so und meinte nachher zum Ralle, ob das zu hart gewesen sei - Nö, die Wahrheit kann nicht zu hart sein.).

Dass Benno mir den Gipfel nicht zutraute war klar, aber traute ich mir den selber zu? Nicht ganz, es war bereits ganz schön anstrengend. Es wäre möglich, aber nicht wahrscheinlich, dass ich bis ganz hinauf käme, dachte ich. Dann beguckte ich mir Peter und dachte, dass ich besser dem Sergio helfen sollte, den Peter runter zu bringen. Die dritte Variante - mit Helmut und Cristian weiter zu gehen - zog ich nur kurz in Betracht. Helmut musste schon so oft stehen bleiben, dass ich nicht glaubte, dass die beiden hinauf kommen würden und wenn ich schon umdrehen muss, dann lieber gleich.

Am Umkehrpunkt.
Am Umkehrpunkt.
Bild von Gerhard

Ich drehte also mit Sergio und Peter um und wir stiegen zurück zur Hütte ab. Das war dann ein ganz eigenes Abenteuer, denn meine Stirnlampe war dabei, den Geist aufzugeben und leuchtete nur noch extrem schwach. Dabei musste ich als Zweitstärkste in der Seilschaft beim Abstieg voraus gehen. Natürlich hatte ich Ersatz-Batterien dabei, aber das Batteriefach der Stirnlampe war zugefroren.

Ich ging also halb blind voraus, immer wieder Sergio um Richtungsangaben fragend. Peter stolperte noch blinder hinterher, er hatte Probleme mit dem Gleichgewicht und mit den Augen. Wir schafften es in Schlangenlinien zurück zu Hütte, wobei ich glaube, dass Peter zwischendrin nicht daran glaubte, dass wir da je ankommen würden.

Den ganzen Abstieg fragte ich mich, ob ich nun zu früh aufgegeben hatte oder nicht. Vielleicht. Aber wäre ich weiter gegangen hätte es vermutlich keiner bis hinauf geschafft. Daran schuld zu sein, dass Gerhard und Ralle nicht hinauf kommen, hätte ich schlimmer gefunden, als selber nicht hinauf zu kommen, schliesslich geht es mir mehr um das Gesamt-Erlebnis als die tatsächlichen Gipfel. Also wieder kein 6000er. Nunja.

Bis zur Hütte hatte ich endgültig Frieden mit meiner Entscheidung gemacht und konnte zufrieden und müde in meinen Schlafsack krabbeln, in dem die Aluflasche sogar noch ein wenig Wärme spendete. Nicht lang nach uns tauchte dann auch Helmut auf, der vielleicht noch 100 Meter höher gekommen war und dann ebenfalls aufgeben musste.

Irgendwann hielt ich es dann doch nicht mehr im Schlafsack aus und machte mich auf die Suche nach Kaffee. Elizabeth und Rául hielten natürlich schon heisses Wasser bereit, so dass einem Frühstück nichts im Wege stand. Ich nahm den Kaffee mit nach draussen in die Sonne (wo es wärmer war als in der Hütte drin) und beguckte mit Argusaugen den Grat. War nicht ganz einfach, denn man musste genau gegen die Sonne gucken

Als ich Leute entdeckte, waren es zunächst nur 2, das war der eine Deutsche mit seinem Führer, die nur bis zum Vorgipfel gegangen waren. Der Deutsche konnte aber berichten, dass Benno, Gerhard und Ralle weiter zum Hauptgipfel gegangen waren. Nichts anderes hatte ich erwartet.

Unterdessen waren die ersten Tagesgäste auf der Hütte eingetroffen, unter anderem eine Schulklasse mit ihrem amerikanischen Lehrer. Die Teenager probierten an Peter und mir ihre Englisch-Kenntnisse aus (Where do you come from? What's your name?), aber verstanden die Antworten leider kaum. Das war aber ganz nett, um die lange Wartezeit zu vertreiben.

Schliesslich entdeckte ich dann doch drei Figürchen auf dem Grat, die (meinem Gefühl nach) sehr langsam den Grat hinab stiegen und dann die Flanke runter zur Hütte kamen. Schliesslich waren sie da und wurden freudig begrüsst und beglückwünscht.

Ralle erzählt:

Auf etwa 5.700 Metern Höhe hielt Benno an, da Peter offensichtlich nicht mehr weiter konnte. Er hatte sich total verausgabt und schien am Ende seiner Kräfte. Benno machte uns eindringlich, ja fast schon brutal darauf aufmerksam, dass wer jetzt noch weiter ginge und es nicht bis zum Gipfel schaffe, verantwortlich dafür sei, wenn alle umkehren müssen. Dann habe keiner mehr eine Gipfelchance. Nach kurzer Bedenkzeit schloss sich Andrea Peter an, um zusammen mit Sergio abzusteigen. Das bedeutete, dass ich von nun an zusammen mit Gerhard und Benno die Gipfelchancen unserer kleinen Truppe wahren musste.

Es ging in immer gleichbleibender Steigung von etwa 35° bergan. Der starke Wind kühlte uns aus und erschwerte das Atmen noch zusätzlich. Die ungewohnte Haltung, das ständige Schräglaufen mit den klobigen Steigeisen und die Tatsache, dass man kaum etwas sehen konnte, zerrten an den Kräften. Mangels Ablenkung hört man ständig in sich hinein, fühlt die tauben kalten Füße, den schnellen Puls und den rasselnden Atem. Um einen herum ist nur das Heulen des Windes, die Kälte und die schemenhaften Gestalten im Schimmer der Stirnlampen wahrnehmbar. Nur die Willenskraft und die Hoffnung den Gipfel zu erreichen treiben einen noch an. Der Gedanke: 'Warum tu ich mir das eigentlich an?', liess sich auf Dauer nicht unterdrücken.

Wegen des schneidend kalten Windes der einem ständig scharfe Eiskristalle entgegen blies hatte ich den Buff doppelt genommen und über Mund und Nase gezogen. Das war ganz angenehm, weil die Atemluft so etwas vorgewärmt wurde. Je höher wir stiegen, desto heftiger wurden die Böen.

Mit der Zeit spürte ich meine Füße nicht mehr und die Waden hatten einen Spanner, dass es sich anfühlte, als wollten sie gleich platzen. Ich war deshalb genötigt, ab und an eine kurze Erholungspause für die geschundenen Beine einzulegen. So langsam fing es an zu dämmern und ich glaubte zu erkennen, dass sich die Steigung etwas verringerte. Ja, der Berg schien sich etwas zurück zu neigen! Dass es sich dabei um eine optische Täuschung handelte, erkannte ich erst einige anstrengende Höhenmeter später. Das passierte noch einige Male und die Enttäuschung war dann entsprechend groß.

Der Sturm blieb uns treu. Auf den letzten 100 Hm bis zum Vorgipfel brach ich immer wieder durch den harschigen Schneedeckel. Dadurch wurde das Aufsteigen so erschwert, dass ich kaum noch genug Luft zum Atmen bekam. So langsam schien mein Körper an seine Grenzen zu kommen, der Puls raste und die Beine wurden immer schwerer. So etwas hatte ich bisher noch nicht erleben müssen.

Aber der Wille weiterzusteigen, war noch ungebrochen. Auf den letzten 30 Hm zum Vorgipfel brach ich nahezu bei jedem Schritt ein und Benno nahm mir für diese kurze Etappe den Rucksack ab.

Die aufgehende Sonne zeichnet den Schatten des Chimborazo an den Himmel.
Die aufgehende Sonne zeichnet den Schatten des Chimborazo an den Himmel.
Bild von Gerhard

Inzwischen war die Dämmerung so weit fortgeschritten, dass die ersten Sonnenstrahlen auf den Gipfel trafen. In der Wolkenschicht zeichnete sich nun der Schattenriss des Chimborazo ab. Es hat den Anschein, als wüchse ein bisher nicht da gewesener Berg aus den Wolken heraus, ein grandioses Schauspiel.

Leider musste ich dabei feststellen, dass ich nicht mehr klar sehen konnte. Mit zunehmendem Tageslicht wurde die Sehschwäche immer deutlicher. Mein linkes Auge war von dem ständigen Wind und dem scharfen Beschuss mit Schneekristallen total entzündet. Ich konnte nur noch Schemen erkennen, so als würde man durch eine dicke Milchglasscheibe schauen. Das räumliche Sehen war dadurch stark eingeschränkt und an Fotografieren war nicht zu denken. Das erledigte zum Glück Gerhard, der ein genauso begeisterter Fotograf ist wie ich.

Inzwischen hatte ich alles angezogen, was der Rucksack zu bieten hatte. Sogar die Daunenweste trug ich über dem Anorak. Dazu die Daunenfäustlinge samt Überhandschuhen. Trotzdem war mir kalt, was vermutlich auf die Erschöpfung zurückzuführen war.

Am Vorgipfel des Chrimborazo.
Am Vorgipfel des Chrimborazo.
Bild von Gerhard

Am Vorgipfel rasteten wir kurz und es gab warmen Tee aus der Thermosflasche zu trinken. Nach Essen war mir nicht zumute. Die Pause tat richtig gut und die letzten Meter hinüber auf den Hauptgipfel waren danach kein Problem mehr. Am meisten belastete mich nun die eingeschränkte Sehfähigkeit. Aber egal, das wird schon wieder! Was zählt ist: Wir haben es tatsächlich geschafft!

Auf dem Chimborazo-Hauptgipfel
Auf dem Chimborazo-Hauptgipfel
Bild von Gerhard

Um kurz nach 7:00 Uhr standen wir auf dem 6.310 m hohen Hauptgipfel des Chimborazo. Für Benno vermutlich nichts Besonderes, für mich der bisher höchster Berggipfel und auch der bisher Anstrengendste. Wir klopften uns auf die Schultern und beglückwünschten uns zu dem Erfolg. Gerhard machte noch einige Fotos und bald machten wir uns an den langen Abstieg.

Zurück zum Vorgipfel ist es einfaches Gelände, danach wird es wieder steil, was bis zum Ende des langen Gletscherabstieges auch so bleibt. Auf die Nähe konnte ich zum Glück einigermaßen gut sehen, so dass der Abstieg keine größeren Probleme bereitete. Gerhard ging jetzt voraus, in der Mitte ich und Benno als Letzter. Wir stiegen in zügigen Tempo ab. Im Tageslicht konnte man die gleich bleibende Steilheit, die beim Aufstieg so zermürbend war, deutlich erkennen.

Blick über den Abstiegsweg<br/>Links der Mitte hinab zu 'El Castillo, ganz unten rechts der Mitte die Whymper-Hütte.
Blick über den Abstiegsweg
Links der Mitte hinab zu 'El Castillo, ganz unten rechts der Mitte die Whymper-Hütte.

Bild von Gerhard

Der Sturm hatte sich immer noch nicht gelegt. Mit ungestümer Gewalt riss er Eiskristalle von der hart gefrorenen Oberfläche und peitschte sie einem entgegen, was sich anfühlte als würde ein Sandstrahlgebläse auf einen gerichtet. In dem Sturm büsste ich zu meinem Verdruss einen meiner heiß geliebten Daunenhandschuh ein, den mir eine starke Bö regelrecht aus der Hand riss.

Je tiefer wir kamen, umso weiter verlor sich die Gewalt des Sturmes und es wurde schnell wärmer. Bald darauf war es nahezu heiß und wir wurden von der Sonne gegrillt. Allzu schnell wurde die Oberfläche des Schnees aufgeweicht und rings herum begann es zu tauen. Zum Glück hatten wir zu diesem Zeitpunkt das Ende des Gletschers schon fast erreicht. Der nächtliche Aufstieg hatte also durchaus seine Berechtigung und macht sich nun bezahlt. Die letzten Höhenmeter über die geröllige Schutthalde waren dann fast schon angenehm zu gehen, trotz der langen Tour, die uns in den Knochen steckte.

Die erfolgreichen Gipfelstürmer kehren zurück.
Die erfolgreichen Gipfelstürmer kehren zurück.

Unten wurden wir bereits sehnsüchtig erwartet und überschwänglich begrüßt, zu unserem Erfolg beglückwünscht und zur Hütte geleitet. Was für ein Berg!!!

Von diesem Gipfel sind sie gekommen - immer am Grat entlang bis zum Felsaufbau, dann in Kehren durch die Flanke.
Von diesem Gipfel sind sie gekommen - immer am Grat entlang bis zum Felsaufbau, dann in Kehren durch die Flanke.

In der Hütte gab es zur Stärkung noch feine Suppe von Elizabeth, dann stiegen wir zum Parkplatz ab, wo Paco bereits mit dem Bus wartete..

Vollbeladener Abstieg zum Bus.
Vollbeladener Abstieg zum Bus.

Es ging hinab nach Riobamba in die Hacienda Hacienda Abrasprungo, wo uns schöne Zimmer mit Vulkannamen, ein feines Mittagessen, ein freier Nachmittag und ein ebenso feines Abendessen erwartete.

Ein letzter Blick auf den Chimborazo.
Ein letzter Blick auf den Chimborazo.

Es gab auch einen Indígena-Markt in einem Hinterhof und Internet und auch sonst alles Mögliche, aber nachdem wir all das feuchte Bergzeug augebreitet hatten, hatten wir kaum mehr Energie unter die warmen einladenden Decken zu krabbeln und den Schlaf nachzuholen, der uns - insbesondere natürlich dem Ralle - fehlte. Diese Mitternachtsbergsteigerei bringt den Körper ganz schön durcheinander.

Zum Abendessen gab es sogar Live-Musik, wo ein einzelner Indìgeno mit einer Panflöte, begleitet von einem Netbook und einer Mini-Anlage, sehr schöne Musik machte. Leider ein wenig lustlos, was dann Pech für ihn war, denn er packte umgehend nach dem letzten Lied zusammen und war plötzlich futsch. Ich hätte durchaus Interesse an einer seiner CDs gehabt, aber konnte dann keine mehr kaufen.

Lagebesprechung für den nächsten Tag: Frühstück um 5, Abfahrt mit vollem Gepäck um 6, damit wir um halb sieben am Bahnhof in den Zug einsteigen konnten der uns nach Alausi und zur Teufelsnase bringen sollte. Leider dürfe man nicht mehr auf dem Dach des Zuges sitzen, erklärte Benno, seitdem vor einem Jahr zwei Japaner von einem tiefhängenden Kabel geköpft worde waren.

Schade. Nicht dass ich geköpft werden wollen würde, aber auf dem Dach sitzend Zug zu fahren, das wär mal was! (Meine Eltern durften das vor ein paar Jahren noch!)

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