Island Peak

27.10.2007, Übernachtung in Island-Peak-Basecamp, 5115 Meter

Beim letzten Teestopp der Nacht, etwa gegen Mitternacht, war bereits wieder Licht im Küchenzelt und ich konnte die Kocher zischen hören. Die Küche fing also glatt 2 Stunden vor uns mit dem Kochen an. Es war sternenklar draussen und nicht mal allzu kalt. Beste Bedingungen! Ich kuschelte mich wieder in meinen Schlafsack.

Um 2.00h wurden wir geweckt. Ohne Good-Morning-Tea, den gab es im Essenszelt. Das Frühstück war schwierig, um diese Tageszeit mag der Magen noch nicht wirklich mit Essen belastet werden. Ich trank aber zumindest so viel Tee wie möglich. Christine sah nicht gut aus und auch der Ludwig war blass um die Nase.

Als wir nach dem Frühstück den Tee in die Rucksäcke packten, stellte sich heraus, dass Ludwig nun das hatte, was die Edeltraud in Chhukung bereits durchmachen musste: Brechdurchfall. So schwer es ihm fiel, so konnte er nicht mitgehen. Der arme Ludwig! Er war immer guter Laune, fit wie ein Turnschuh (Ludwigs 'Ausflüge' zum Filmen waren teils legendär) und nun das! Edeltraud, die sich noch nicht wieder wirklich fit fühlte, blieb beim Ludwig zurück. Schade!

Zunächst ging es ein paar Meter weiter das Tal hinter, dann bog Pemba auf einen breit ausgetretenen Pfad steil den Berg hinauf ab. Im Licht der Stirnlampe (die ich auf die geringste LED-Stufe gestellt hatte) Laufen hat etwas vollkommen Unwirkliches, man sieht nur wenige Meter weit und in diesen Metern sind hauptsächlich Staubwolken und Schuhe zu sehen.

Wir steigen im Dunklen zum Island Peak auf
Wir steigen im Dunklen zum Island Peak auf

Obwohl ich mich gestern so gut gefühlt hatte - dieser Tag war nicht meiner. Mir war ein wenig schlecht (was wohl mit dem frühen Frühstück zu tun hatte und nicht weiter schlimm war) und ich musste andauern husten, trocken und hart. Teilweise so hart, dass ich Mühe hatte, den Inhalt meines Mages drin zu behalten. Gehustet wurde inzwischen allüberall, wir hörten uns ein ein wenig nach Krankenabteilungs-Ausflug an. Der Ralle klagte, dass ihm auch schlecht sei. So richtig gut ging es wohl keinem.

Im Stockdunklen erreichten wir das Hochlager am Island Peak, ein paar Zelte die auf die wenigen flachen Stellen am Hang verteilt waren. Weit über uns waren ein paar sich bewegende Lichtlein zu sehen. Der breite Pfad durch Grasgelände wurde zu einem kleinen Steig durch steile und weniger steile Felsen, die zwischendrin auch mal Hand-Anlegen erforderten. Christine hatte Probleme mit dem Tempo, so dass Edu Pemba an der Spitze ablöste und langsamer ging.

Das Tempo selber bereitete mir keine grösseren Probleme, aber die Husterei wurde mit jedem Höhenmeter schlimmer. Dadurch, dass es mir so oft beinahe den Magen aufstellte, wurde es mir noch dazu langsam richtig schlecht. Mir kamen Gedanken ans Umdrehen. Muss ich sowas wirklich machen? Andererseits, wenn nicht jetzt, wann dann? Sollte ich brechen müssen, dann würde ich umdrehen, schwor ich mir und schleppte mich weiter. Bald nahm mir Ralle einen Teil der Ausrüstung ab, damit ich wenigstens leichter steigen konnte.

Langsam wurde es hell um uns herum. Auf einem felsigen Absatz in etwa 5800 Metern Höhe, nach ungefähr 750 Metern Aufstieg, machten wir Pause und ich wurde von einem Hustenanfall geschüttelt, der mich mit dem Magen Oberkante Unterlippe, schmerzenden Rippen und Tränen in den Augen auf den Knien zurückliess. Ich sah Christine an, die eben einen ähnlichen Hustenanfall hatte. Wir nickten beide gleichzeitig und verkündeten, dass hier für uns Ende sein würde. Zu zweit konnten wir leicht wieder absteigen, ohne dass irgendwer wegen uns auf den Gipfel würde verzichten müssen.

An diesem Absatz ist Schluss für Christine und mich
An diesem Absatz ist Schluss für Christine und mich

Ralle verstand und gab mir meine Sachen zurück. Er schien ein schlechtes Gewissen zu haben, aber natürlich musste er ohne mich da hinauf gehen, keine Frage. Ich schickte ihn hinauf, den Gipfel für mich mitzuerobern. Gerhard versuchte Christine zu überreden, doch weiter zu gehen, aber die war noch schlechter beieinander als ich, das hatte nicht wirklich Sinn.

So stiegen die Anderen im ersten Morgenlicht dem Island Peak entgegen, während Christine und ich über den lästigen Schotter, über den wir uns nach oben gequält hatten, wieder abstiegen. Je weiter ich nach unten kam, umso besser ging es mir, ich fing fast schon an, zu bereuen, umgedreht zu sein. Aber nur fast, die Erinnerung an diesen letzten Hustenanfall war noch deutlich da. Husten musste ich noch immer, Beinahe-Brechen auch, aber es ging mir trotzdem immer besser.

Christine war aber wirklich krank, für sie war Umdrehen die einzig wahre Wahl gewesen. Wir stiegen langsam ab und machten hin und wieder kleine Pausen. Einmal war die Pause ein wenig länger, denn ihr war so schwindelig geworden, dass sie sich setzen musste.

Bei den Zelten angelangt, legten wir uns erst mal schlafen. Wie es wohl den Gipfelstürmern ging?

Ralle erzählt:

Auf einem Absatz legen wir eine Rast ein. Hier entscheidet Andrea, dass sie nicht mehr weitergeht. Es tut mir sehr leid, weiß ich doch wie sehr sie sich den Gipfel gewünscht hat. Christine schließt sich sofort an, auch sie kann nicht mehr. Da beide bergerfahren sind beschließen wir sie alleine zurückgehen zu lassen und setzen den Aufstieg fort. Etwa 100 Hm nach der Trennung erreichen wir den Gletscher. Welch fantastischer Ausblick! Die Morgensonne erreicht gerade die Gipfelregionen der umliegenden Berge. Besonders beeindruckend präsentieren sich Makalu und Ama Dablam.

Die Seilschaft am Gletscher
Die Seilschaft am Gletscher

Wir legen unsere Eisausrüstung an und werden in zwei Seilschaften eingeteilt. Meine Seilschaft wird von Pemba angeführt. Außer mir sind noch Mike, Gerli, Andre und Maxi mit von der Partie. Tami, Edu, Werner, Gerhard und Mario bilden die andere Seilschaft. Dann geht es durch die Spaltenzone des Gletschers hinauf zu dem mit Fixseilen versicherten Steilaufschwung. Ein sehr imposanter Anblick. Der Steilaufschwung ist etwa 100 m hoch und hat eine Steilheit von ca. 50°.

Der Steilhang mit dem Fixseil
Der Steilhang mit dem Fixseil

Einige Bergsteiger befinden sich bereits im Aufstieg, so dass es zu kürzeren Wartezeiten kommt. Zum Erklimmen der Steilstufe ist die Jümarklemme eine willkommene Unterstützung. Man kann sich mit einer Hand daran hochziehen, mit der anderen stützt man sich auf den Pickel. Gleichzeitig ist man gesichert, was angesichts der Steilheit gar nicht so unangenehm ist. Der Aufschwung ist sehr anstrengend. Zwischendurch benötigt man, bedingt durch die Höhe, immer wieder kleine Verschnaufpausen.

Steil geht es hinauf ...
Steil geht es hinauf ...

Nach dieser Anstrengung erreicht man den scharfen Gipfelgrat. Er ist sehr schmal und fällt nach beiden Seiten steil ab. Über diesen schmalen Grat führt steil ansteigend der Weg zum Gipfel. Deshalb und vermutlich auch wegen des Andranges ist der komplette Grat mit Fixseilen versichert. Hier kommt es nun wirklich zum Stau. Eine absteigende Gruppe behindert unseren Aufstieg massiv. Nachdem wir etwa 20 min gewartet haben, kommt jemand auf die Idee ein zusätzliches Seil zu verwenden. Jetzt können die Absteigenden an uns vorbei, ohne uns weiter zu behindern.

... sehr steil.
... sehr steil.

Nun trennen uns nur noch wenige Meter vom Gipfel. Gleich geht der Traum in Erfüllung, ich betrete meinen ersten 6.000er, den Island Peak mit exakt 6.189 m Höhe. Die Freude ist riesengroß. Für die meisten von uns ist es der erste Sechstausender, entsprechend ausgelassen beglückwünschen wir uns zu dem Erfolg.

Ralle am Gipfelgrat
Ralle am Gipfelgrat

Der Gipfel bietet nicht viel Platz, er ist nicht viel größer als ein großer Esstisch. Deshalb müssen wir uns beeilen, damit auch die Nachfolgenden Platz haben. Wir schießen Beweisfotos, genießen das Panorama und trinken einen Becher Tee. Nach 15 min sind wir bereit zum Abstieg.

Die erfolgreichen Island-Peak-Bezwinger
Die erfolgreichen Island-Peak-Bezwinger

Die ersten 100 m Meter geht der Abstieg ganz gut. Gerli erfreut sich an meiner Abstiegstechnik. Sie versucht ebenso zu gehen, also breitbeinig und tief in der Hocke die Steigeisenbewehrten Hacken fest in den Firn rammend. Wir haben echt Spaß dabei. Dann kommt es zu einem richtigen Stau. An den Fixseilen geht so gut wie gar nichts voran. Irgendwer scheint sich da dumm anzustellen, anders ist die Situation nicht zu erklären.

Abstieg über den schmalen Gipfelgrat
Abstieg über den schmalen Gipfelgrat

Wir stehen ausgesetzt auf dem eisigen Grat und harren der Dinge die da kommen. Mehr kann man nicht tun. Inzwischen pfeift ein eiskalter Wind über den Grat und lässt uns frösteln. Endlich, nach etwa 30 min warten sind wir an der Steilstufe angelangt und bereit uns abzuseilen. Dazu steht nur 1 Seil zur Verfügung an dem man ohne sich umzuhängen in einem Rutsch abseilen kann. Das mittlere Seil ist blockiert und an dem Fixseil will sich niemand abseilen. Mir das einerlei und ich wähle das mehrfach verankerte Fixseil zum Abseilen.

Das ist etwas umständlich weil man sich an jeder Verankerung erst einmal sichern muss, dann den Abseilachter aus- und nach der Verankerung wieder einhängen muss. Mit etwas Routine ist das schnell und sicher erledigt und ich muss nicht mehr warten. Etwa in der Mitte der Steilstufe sitzt oder besser gesagt liegt ein Bergsteiger auf seinem Rucksack. Gesichert an dem mittleren Seil. Deshalb kann es nicht verwendet werden. Er macht keinerlei Anstalten sich von dort wegzubewegen und ich frage mich auf was der wartet. Ruckzuck bin ich über die Steilstufe abgeseilt und warte bis wir wieder komplett sind.

Wir bilden wieder unsere Seilschaften und schon geht es hinab über den Gletscher und durch die Spaltenzone zurück zum Anseilplatz. Dort entledigen wir uns der Eisausrüstung und trinken etwas Tee. Jetzt erfahren wir den Grund dafür, warum der Bergsteiger von vorhin mitten im Steilhang Pause macht. Er hat sich offenbar den Unterschenkel gebrochen. Jemand will gesehen haben, dass er am Grat bereits unsicher und torkelnd unterwegs war. Offensichtlich massive Höhenprobleme. Inzwischen wurde er abgeseilt und liegt nun am Fuße des Steilhanges. Hilfe soll bereits angefordert sein.

Der weitere Abstieg über die Platten und das Geröll ist unangenehm. Inzwischen peitschen heftige Böen den feinen Sand gegen Körper und Gesicht. Jetzt möchte keiner mehr am Gipfel sein. Nun sehen wir wie die wegen des Bergunfalls angeforderte Hilfe aussieht. Weil auf dieser Höhe kein Hubschrauber zur Rettung eingesetzt werden kann, kommen uns drei Nepali in flottem Schritt entgegen. Die sollen den Verletzten bergen und zu Tal bringen. Weiter unten beruhigt sich der Wind wieder etwas. Er legt sich mehr und mehr, je näher wir dem Basislager kommen.

Um kurz vor 12:00 Uhr erreichen wir das Basecamp. Glücklich und erschöpft zugleich machen wir uns frisch für's Mittagessen. Zu unserem Erstaunen kommen die drei nepalesischen Bergretter während wir beim Essen sitzen an unserem Mannschaftszelt vorbei. Einer von ihnen hat den Verletzen mit einfachen Bändern auf den Rücken gebunden. Unterwegs haben sie sich vermutlich mit dem Tragen abgewechselt. Das ist unglaublich, befanden sie sich doch noch im Aufstieg als wir bereits abgestiegen sind. Sie müssen mindestens so schnell wie wir, wenn nicht noch schneller abgestiegen sein. Trotz schwierigem Gelände und einem ausgewachsenen Mann auf dem Rücken. Alle Achtung, das macht ihnen so schnell keiner nach!

Während die Anderen den hohen Berg bezwangen, ging es im sonnigen Basislager beschaulich zu. Sämtliche Gruppen aus dem Basislager waren entweder am Berg oder bereits weg oder noch gar nicht da, es befanden sich lediglich Träger und Sherpa im Lager. Ich wachte nach einer Weile wieder auf, weil es im Zelt so warm war. Ich schaute bei Christine vorbei, ob ich etwas für sie tun könne. Ihr ging es gar nicht gut, sie bat um heisses Wasser, was ich aus der Küche organisierte.

Dort sass Mingma in der Sonne. Ich erzählte, warum Christine und ich umgedreht waren und er meinte tröstend, dass das halt manchmal so sei. Erstaunlicherweise fand ich es gar nicht mal besonders schlimm, dass ich da nun nicht oben war. Der Urlaub und Nepal als Gesamtes waren so grossartig, dasses auf diesen einen Gipfel einfach nicht ankam. Genau genommen war er ja auch nur einer von vielen, wenn auch der höchste.

Mingma hatte Tee für mich geordert, als ich mich zu ihm in die Sonne setzte, und der kam auch bald. Eine Riesenmenge Tee, denn kleine Kannen hatte das Küchenteam gar nicht. Da traf es sich gut, dass Edeltraud auftauchte und mit mir Tee trank. Dem Ludwig gehe es furchtbar schlecht, er habe inzwischen eine recht intime Beziehung zu dem grässlichen Klohäuschen aufgebaut, im Moment schlafe er. Ihr gehe es inzwischen wieder gut, aber offensichtlich hatte auch Dani was abgekommen, sie müsse brechen und könne nichts essen. Nawang hätte ihr lediglich Tee gebracht. Und auch der Nawang sei nicht fit, der habe wohl eine Erkältung und keine Stimme mehr.

Das reinste Krankenlager, anscheinend ging es nur mir und inzwischen auch Edeltraud gut. Ich brachte Christine das Wasser und schaute bei Dani vorbei. Ach, es sei gar nicht gut, erzählte sie, und listete auf, wann und wie oft sie hatte brechen müssen, Tee habe sie aber noch. Ich wünschte ihr gute Besserung und verzog mich mit Maxis zweitem Buch (Thiesler, Der Kindersammler, verstörend) wieder in mein Zelt.

Am frühen Nachmittag kamen die Gipfelstürmer zurück und wurden begührend begrüsst und beglückwünscht, auch der Ludwig quälte sich aus dem Zelt. Auch beim Mittagessen gab der Ludwig ein kurzes Gastspiel, Dani zeigte sich aber nicht. Maxi oblag es dann, die Dani zu versorgen, Edu und Andre machten zwischendrin die Runde. Dani sei ziemlich dehydriert, weil sie nicht mal Tee bei sich behalten könne. Sie gaben ihr diverse Elektrolyt-Getränke und wir hofften das Beste.

Der Nachmittag verging für uns gemütlich mit Schlafen und Lesen, während Maxi und Edeltraud mit Krankenpflege beschäftigt waren. An diesem Abend hatte sich die Küche wieder voll ins Zeug gelegt, es gab Pizza und danach einen Kuchen. Alles sehr fein, auch wenn unsere Kranken nichts davon hatten. Ludwig zumindest war zum Abendessen erschienen, wenn er auch reichlich mitgenommen aussah, Dani war im Zelt geblieben und wurde mit Tee versorgt, Christine liess ausrichten, sie habe keine Lust auf Abendessen, sonst gehe es ihr aber besser.

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