Pokalde

24.10.2007, Übernachtung in Chhukung, 4737 Meter

Bei einem der obligatorischen nächtlichen Teestopps meinte ich Christine bei Marios Zelt zu sehen, war aber dann von dem grossartigen Sternenhimmel (es ist unglaublich wie viele Sterne man so weit oben und so weit weg sehen kann) und natürlich von dem dringlichen Bedürfnis das mich geweckt hatte (es hat ja einen Grund, wenn man in langer Unterhose und Pulli bei unter -19 Grad in der Nacht herumtappt) zu abgelenkt, um darauf zu achten.

Beim Frühstück erzählte Christine, dass es Mario sehr schlecht gehe, er die Nacht über gebrochen hätte und er deswegen nicht mit auf den Pokalde gehen würde. Edu und Andre gingen zu dem Kranken und Edu meinte dann, dass Mario vermutlich höhenkrank sei und mit den Trägern direkt nach Chhukung absteigen würde.

Der Mario, unser superfitter Soldat und Marathoni, der niemals aus der Puste gekommen war und der alles mit links hinter sich gebracht hatte, der sollte jetzt höhenkrank sein? Edu meinte, dass er das inzwischen schon ein paar Mal erlebt hätte, manche der Super-Ausdauersportler würden trotz der offensichtlichen Fitness aus irgendeinem Grund schneller höhenkrank als die anderen. Armer Mario.

Während wir noch beim Frühstück sassen stieg die andere Gruppe (die, der Edu, Ralle und Ludwig beim Eisklettern begegnet waren) bereits zum Pokalde hinauf. Wir frühstückten fertig und stiegen dann in unsere schweren Bergstiefel und steckten die Steigeisen in den Rucksack. Vorsichtshalber, weil die Nordseite des Pokalde noch immer schneebedeckt war. Tami mit dem gleichmässigen Schritt folgend gingen wir am See vorbei Richtung Pokalde.

Durch schneebedecktes Blockgelände stiegen wir zu einem weiteren kleinen See hinauf, der vollständig mit einer durchsichtigen Eisschicht bedeckt war, was ausnehmend hübsch aussah. Hinter dem zweiten See ging es hinauf zum Grat, wobei wir uns über ein paar eisige Stufen unterhalb eines grossen Felsens stauten und dann endlich in die Sonne kamen.

Aufstieg zum Pokalde
Aufstieg zum Pokalde

Der weitere Aufstieg führte unspektakulär über diverse Geröllfelder, wobei wir abwechselnd über grosse Blöcke steigen oder durch kleine Steinchen waten mussten. Die Aussicht in die Umgebung war grandios, was dazu führte, dass Ralle und ich mal wieder weit hinten landeten, weil wir uns einfach nicht zu helfen wussten und Foto um Foto schossen.

Rückblick auf das Lager am Kongma Tso vor der Lhotsewand
Rückblick auf das Lager am Kongma Tso vor der Lhotsewand

Der Gipfel war meist in Sicht und wir konnten sehen, wie die andere Gruppe am Gipfelgrat umher turnte. Als wir alle das kleine Plateau unter dem Gipfelgrat erreicht hatten, befand sich die Gruppe gerade im Abstieg. Alle mit Klettergurt und angeseilt, sehr vorbildlich.

Ähem. Klettergurt? Wir hatten gar keinen dabei (nur Steigeisen, die aber nicht nötig gewesen waren). Seile waren immerhin zwei dabei. Tami war schon auf dem Weg nach oben, um eines der Seile festzumachen, Edu war mit dem zweiten Seil auch schon unterwegs. Wer es sich zutraue, dürfe gern auch ungesichert hinaufsteigen, meinte er, für die anderen würde er einen Sitzgurt aus dem Seil bauen (wie das geht hat er uns später gezeigt. War unheimlich schlau, aber ich hab es schon wieder vergessen.) und das kurze Stück hinauf sichern.

Der erste Teil des Gipfelgrates (II- etwa) war nicht weiter schwer und alle stiegen in den nächsten kleinen Sattel. Der zweite Teil des Grates war schwerer (II+) und vor allem sehr ausgesetzt. Edeltraut, Werner und Ludwig drehen hier um, Andre zögerte noch. Mike, Gerli, Maxi, Christine und Gerhard waren bereits auf dem Weg zum Gipfel, der sich vielleicht 30 Höhenmeter über uns befand.

Kletterei am Gipfelgrat des Pokalde
Kletterei am Gipfelgrat des Pokalde

Ich betrachtete die Felswand vor uns. Steil und ausgesetzt, aber mit grossen Griffen und nicht allzu schwer. Hinauf ging sicher, aber runter? Naja, da wäre ja dann immer noch Edu und sein Seil. Wir stiegen ebenfalls ein und es war leichter als es aussah. Nach den ersten 5 Metern war die Schwierigkeit schon wieder vorbei und wir konnten ganz bequem zum Gipfel spazieren. Mehr oder weniger jedenfalls.

Oben! Auf 5806 Meter Höhe :-)
Oben! Auf 5806 Meter Höhe :-)

Oben trafen wir uns alle wieder. Es war ein wenig beengt auf dem kleinen Gipfel. Aber was das für ein Gipfel war! Mit 5806 Metern der bisher höchste von allen und kein 'Vorgipfel' im Grat zu einem höheren Berg sondern ein richtig eigenständiger Berg. Und noch dazu nur mit einer waghalsigen (naja, mehr oder weniger) Kletterei zu erreichen. Wir freuten uns alle in Loch ins Knie und bleiben gebührend lange oben.

Blick über den Khumbu Gletscher zu Pumori und Kala Pattar
Blick über den Khumbu Gletscher zu Pumori und Kala Pattar

Der Abstieg war wie erwartet ein wenig schwieriger als der Aufstieg aber auch ganz gut machbar - wobei Gerhard und Ralle aber jeder eine der lockeren Platten aus denen der Gipfel aufgebaut war, nahmen (jeder eine andere), und sich furchtbar erschraken, als die nachgaben.

An dem kleinen Plateau trafen wir Werner Ludwig und Edeltraud wieder. Dani war inzwischen auch angekommen und liess sich von Edu und Tami zum Gipfel sichern, nachdem Andre gesichert abgestiegen war.

Vor dem Abstieg legte ich diesmal mein 'Gummiknie' an, denn bis nach Chhukung ging es mehr als 1000 Höhenmeter nach unten und ich wollte mein Knie gern für den Island Peak in 3 Tagen schonen. Dann ging es erst mal zurück zum Lagerplatz, wo das Küchenteam einen einzelnen KitchenBoy abgestellt hatte, damit der uns Suppe und Tee machte. Die Lunchpakete sagten uns nicht zu, deswegen waren wir auf diese Lösung gekommen.

Das Mittagessen in der Sonne war ausnehmend gemütlich und angenehm warm. Mir bereitete lediglich das Gummiknie Probleme, weil das wegen meiner geschwollenen Beine sehr sehr eng war. Ich zog die Schuhe aus und das Gummiknie über die Wade, die hart und dick war. Nicht gut, das, gar nicht gut. Leichte Massagen während des Mittagessens brachten ein wenig Erleichterung.

Mittagspause mit Suppe und Tee
Mittagspause mit Suppe und Tee
Bild von Maxi

Der Abstieg nach Chhukung war recht lang. Zuerst ging es hinab in ein kleines Hochtal dann in einem grossen Bogen um ein paar Hügel und diverse tiefe Seitental-Einschnitte hinab nach Chhukung. Vor den Augen hatten wir immer die beeindruckende Gletscherwand mit Amphu Labtsa (ein Pass) und die Ama Dablam.

Abstieg nach Chhukung
Abstieg nach Chhukung

Als wir unser kleines Hochtal verlassen hatten und langsam ins Tal des Imja Khola abstiegen, konnten wir bis zum Kongde Ri (der Berg über Namche Bazar) zurück blicken. Weit hinten und unten im Tal zogen wieder die allgegenwärtigen Wolken auf, über denen wir uns die letzten Tage befunden hatten.

Aus dem Tal steigen die Wolken empor
Aus dem Tal steigen die Wolken empor

Vor uns tat sich ein gigantischer Talkessel mit riesigen Gletscherströmen auf, in dem sich hinten links der Mitte ein felsiges Dreieck mit Eisdeckel befand. Der Imja Tse, also der Island Peak. *Unser* Berg. Boah. Im direkten Vergleich mit der Lhotse-Mauer ganz links von uns wirkte das Berglein allerdings nicht sehr beeindruckend.

Chhukung im weiten Tal des Imja Khola, hinten links der Isalnd Peak
Chhukung im weiten Tal des Imja Khola, hinten links der Isalnd Peak

Chhukung liegt in der Mitte des Kessels, beinahe erreicht von 2 gigantischen Eisströmen, die so weit unten allerdings lediglich nach riesigen Haufen von Schotter aussahen.

In Chhukung waren wir auf der Yakweide der ersten Lodge untergebracht. Zelt Nummer Vier stand idyllisch vor einem riesigen Haufen Yakdung, der glücklicherweise völlig geruchsfrei war. Wie wertvoll der Rohstoff Dung ist, konnte man gut daran sehen, dass der Haufen Abends sorgfältig mit einer blauen Plastik-Plane abgedeckt wurde und am nächsten Morgen wieder aufgedeckt und zum Weitertrocknen besonnt wurde.

Zeltplatz vor dem Yakdunghaufen
Zeltplatz vor dem Yakdunghaufen

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