Die Anreise

04./05.10.2007, Übernachtung in Haatiban, 1791 Meter

Schliesslich und endlich war es so weit - es ging los! Langsam aber stetig näherten wir uns Nepal. Mit dem Taxi zum Kemptner Bahnhof. Warten. Mit dem Zug nach München. Warten. Mit der S-Bahn zum Flughafen. Flugschalter suchen, warten, Gate suchen, warten.

Während wir am Gate warteten, inspizierten wir die Mitreisenden. Wer könnte wohl zu unserer Gruppe gehören? Bergsteiger-Outfit allein war kein Indiz, am Gate standen fast ausschliesslich Bergsteiger herum. Dann aber sah ich einen Mann mit grauem Bart, den ich erkannte: Unseren Bergführer Edu, dessen Portrait ich auf der Summitclub Seite bereits studiert hatte. Er unterhielt sich mit 2 jungen Leuten, ein Mann und eine Frau, die dann wohl auch zu unserer Gruppe gehörten.

Wir warteten ab, bis er weiter ging, um weitere seiner Schäfchen zu entdecken und gaben uns zu erkennen, die beiden jungen Leute kamen gleich mit zu uns und so lernten wir die ersten unserer Mitwanderer kennen: Maxi und Mario. Kein Paar, wie ich zunächst vermutet hatte, sondern zwei Einzelreisende, wie wir zum ersten Mal auf einer organisierten Reise unterwegs und ebenfalls zum ersten Mal in Nepal. Edu ging weitere Schäfchen suchen und wurde direkt hinter uns zum nächsten Mal fündig: Ludwig und Edeltraud.

Der Flug nach Doha war ungewöhnlich luxuriös für eine Flug in der Economy-Klasse, man merkte gleich, dass auch Quatar einer der reichen Golfstaaten ist. Am Platz fanden wir ein Nachtflug-Kit, bestehend aus Schlafmaske, Ohrstöpseln und Schlafsocken, Zahnbürste, Waschtuch und Ohrhörer, zusätzlich ein Kissen und eine Decke. In die Sitze vor uns war ein Bildschirm eingelassen, auf dem man über die Bedienelemente in der Armlehne eine Unmenge Filme und Spiele auswählen konnte und das Essen war richtig prima. Luxus pur - fanden wir, die nur die Ferienflieger auf die Kanaren kennen.

In Doha hatten wir gute 2 Stunden Aufenthalt, die wir bei einer Art Schnellrestaurant verbrachten, wo uns Maxi bald fand und Gesellschaft leistete. Später spazierten wir rüber zu unserem Gate, wo Edu inzwischen die meisten seiner Schäfchen aufgetrieben hatte und so trafen wir dort Christine und Gerhard, Michael und Gerlinde, Werner und André. Somit fehlte Edu lediglich noch ein Schäfchen, das aber auch bald auftauchte: Daniela.

Einer war kurz vor der Abreise krank geworden und hatte absagen müssen, ein bitteres Schicksal. Nachdem uns das ja beinahe auch ereilt hätte, hatten wir tiefes Mitgefühl für den Mann. Kurz nachdem sich die Gruppe gefunden und vorgestellt hatte (Uff, so viele Namen auf einmal!), trennten wir uns auch schon wieder, denn das Boarding begann.

Dieses Flugzeug war nicht so luxurös wie das andere, aber auch hier gab es Kissen und Decken und Ohrhörer und wirklich gutes Essen. Inzwischen war es Tag, damit war das Schlafen schwerer und der Flug erschien um einiges länger. Lange war unter uns lediglich Wüste zu sehen, dann über Indien flaches Land mit sehr breiten Flüssen und als wir uns endlich Nepal näherten sah man grüne Hügel und eingeschnittene Täler.

Anflug auf Kathmandu
Anflug auf Kathmandu

Als der Pilot den Sinkflug für Kathmandu begann, kamen uns plötzlich die Hügel sehr entgegen um dann wieder abzufallen. Wir hatten den weiten Talkessel von Kathmandu erreicht. Ein paar Minuten später setzte die Maschine auf. Wir waren in Nepal. Endlich.

Die Einreiseprozedur war umständlich und ziemlich bürokratisch. In der Ankunftshalle mussten wir kleine Zettelchen mit winziger Schrift ausfüllen, auf denen wir genau das eintragen mussten, was wir für das Visum schon hatten angeben müssen. Nachdem wir uns in eine der vielen Schlangen eingereiht hatten, beguckte ein alter Mann unsere Zettelchen sehr sorgfältig, versah sie mit einer Nummer, stempelte sie ab und legte sie in ein dafür vorgesehenes Fach. Dann klebte er ein kleines Wapperl über das Visum im Pass, datierte es, unterschrieb und stempelte das Wapperl ab.

Danach durften wir das Gepäck holen. Als wir alle zusammen aus dem abgeschirmten Flughafengebäude traten, waren wir trotz Edus Warnung von dem Trubel und den Menschen überwältigt. Unzählige Menschen wumselten um uns herum und wollten uns unser Gepäck abnehmen, während wir versuchten Edu zu folgen, der zielstrebig auf den Parkplatz vor dem Gebäude zuging. Ein kleiner bebrillter Nepali mit einem Stapel Zettel in der Hand schien die Organisation vor Ort zu übernehmen und wies verschiedene Nepali an, irgendwas zu tun. Wir liessen uns den Gepäckwagen abnehmen und folgten den Anderen zum Parkplatz, wo ein Bus und ein kleiner Lastwagen standen.

Vor dem Flughafen; Wir treffen Mingma.
Vor dem Flughafen; Wir treffen Mingma.

Überraschung: Unsere 'Träger', die ja nur unseren Gepäckwagen 200 Meter geschoben hatten, waren gar nicht 'unsere' Träger und wollten jetzt entlohnt werden. Entlohnt? Für 200 Meter Gepäckwagen schieben? Wir diskutierten ein wenig, gaben dann dreien der Gauner 5 Euro zusammen und stellten fest, dass man uns trotz Warnung doch abgezockt hatte. Wobei weniger die 5 Euro Abzocke waren sondern die Tatsache, dass in Nepal 5 Euro etwa dem gesamten Tageslohn eines Trägers entsprechen und dass nicht mal in Europa 2 Minuten Gepäckwagen schieben 5 Euro wert sind. Aber ehrlich, wie hätten wir das in dem überwältigenden Gewusel vermeiden sollen?

Unsere Taschen wurden in den Lastwagen verfrachtet, wir falteten uns in die engen Sitze des betagten Busses. Den grössten Teil der Strecke zum Hotel würden wir mit dem Bus zurücklegen, erklärte Edu, dann müssten wir in Jeeps umsteigen. Dann stellte Edu uns den kleinen Mann mit den vielen Papieren vor, der inzwischen die Organisation übernommen hatte: Mingma. Wie wir gedacht hatten, war das unser nepalesischer Chef-Führer, der Sirdar.

Um zum Hotel zu kommen mussten wir zunächst einen Teil von Kathmandu durchqueren. Kaum hatten wir den Flughafen hinter uns gelassen, überwältigte uns das geordnete Chaos des Verkehrs in Kathmandu. Uralte Lastwagen, unzählige Mopeds, haufenweise Busse, viele Autos, alle möglichen Fahhräder, Unmengen Menschen, diverse Hunde und die eine oder die andere Kuh versuchten sich den Platz auf den Strassen streitig zu machen.

Verkehr in Kathmandu; Schulkinder auf einem Bus.
Verkehr in Kathmandu; Schulkinder auf einem Bus.
Bild von Dani

Mit Abstand am coolsten waren die Kühe, die sich - ihres Heiligen-Status gewiss - weder um Fahrzeuge noch um Leute scherten, überall herum liefen und standen und sich gern auch mal mitten auf der Strasse einfach hinlegten. Das Verkehrs-Chaos brodelte weiter, mit gebührendem Abstand um die Rinder herum.

Richtige Regeln konnte man von einigen wenigen Ampeln abgesehen nicht erkennen, alle schossen ganz einfach in die jeweils nächstbeste Lücke und schauten wie es von da weiter ging. Wie es zuging, dass zwischen den LKWs und Bussen und Autos keine Menschen, Fahrräder und Mopeds zu Schaden kamen, war kaum verständlich, immerhin war aber zu erkennen, dass Linksverkehr herrschen sollte, auch wenn das dem einen oder anderen Fahrer hin oder wieder zu entfallen schien.

Neben der Strasse, teilweise direkt neben der Fahrbahn, gingen die Menschen ihren Geschäften nach. Auf den Bürgersteigen und aus dem Strassengraben heraus schien alles und jedes verkauft zu werden. Zwischendrin liefen Leute und Hunde und Kinder herum, aus dem Bus heraus war das Durcheinander kaum zu durchschauen.

Verkehr in Kathmandu; Obsthändler
Verkehr in Kathmandu; Obsthändler

Als wir eine Brücke überqueren mussten, kam der Verkehr für etwa eine halbe Stunde komplett zum Erliegen. Wir waren auf der Brücke, links von uns ein unglaublich voller Bus mit bunt bekleideten Nepali, links von uns ein Steine-Laster, schräg vor uns eine Kuh mit Kalb und standen. Und standen. Und standen. Es sei so voll, erklärte Edu, weil Freitag sei. Freitag ist der nepalische Samstag, weil Samstag Feiertag ist, wir befanden uns mitten in der Weekend-Rushhour sozusagen. Von der Hitze abgesehen war uns der Stau eigentlich ziemlich egal, es gab ja genug zum Gucken.

Endlich ging es weiter und der Bus bog von der Hauptstrasse ab, um zum Hotel Haatiban zu fahren. Die Strasse wand sich in vielen Kurven durch die immer ländlicher werdende Gegend und wurde immer schmaler. Schliesslich bog der Bus auf einen kleinen Parkplatz ab, wo wir in zwei Jeeps umstiegen.

Ich war ein wenig langsam beim Umsteigen und so war beide Jeeps hinten voll. Das war aber völlig OK, denn so durfte ich neben dem Fahrer vorne einsteigen und hatte das Vergnügen, die holperige Jeepfahrt auf einer sehr schmalen, teils sehr steilen und vor allem überaus kurvigen Strasse an vorderster Front zu erleben. Achterbahnfahren ist nichts dagegen!

Als wir oben beim Hotel Haatiban ankamen, wurde es gerade dunkel. Wir wurden durch den Garten in einen hübschen Raum mit vielen Rattanmöbeln und einem gigantischen Wandgemälde geführt, wo ein gedeckter Tisch mit Kaffee und Tee und Plätzchen auf uns wartete.

Danach bekamen wir unsere Zimmer zugewiesen, die sich in kleinen netten Nebenhäuschen befanden. Das Gepäck würde aufs Zimmer gebracht hiess es. Viel Zeit zum Duschen und frisch machen vor dem Abendessen blieb nicht, daher warteten wir ungeduldig auf die Taschen. Ich fing schon mal an mich zu entkleiden, der Ralle ging nach dem Gepäck gucken.

Ich sass gerade halb ausgezogen auf dem Bett, als der Ralle und das Gepäck wieder kamen. Mit dabei war ein Angestellter der Hotels, der es trotz gutem Zureden nicht dabei bewenden lassen wollte, das Gepäck vor der Zimmer abzustellen. Was mich in die blöde Situation brachte, halbnackt vor einem Nepali zu sitzen, der vermutlich schon die Tatsache, dass Touristenfrauen Hosen tragen als ungehörig empfand. Dumm gelaufen.

Wir duschten in Windeseile und sausten gerade rechtzeitig zur ausgemachten Zeit zurück zum Haupthaus, wo schon das Buffet für das Abendessen aufgebaut war. Ein prima Buffet mit lauter feinen Sachen, von denen wir, also ich, viel zu viel assen. Dazu gab es 'Everest Bier', das zu Ralles grosser Freude in Flaschen zu 650ml serviert wurde.

Nach dem Essen zogen wir uns nach unten zurück in den Raum, in dem es schon den Kaffee-Empfang gegeben hatte und wandeten uns organisatorischen Dingen zu. Edu erklärte, wie der Ablauf des Abends, des nächsten Tages und generell des Trekkings sein würde, wir machten eine kleine Vorstellungsrunde rundrum, wo sich herausstellte, dass wir fast alle 'richtige' Bergsteiger waren, dass alle bis auf den Werner noch nie in Nepal gewesen waren, dass es für die meisten die erste organisierte Reise war und dass grad mal die Hälfte schon auf hohen Bergen gewesen war. Alles in allem schien die Gruppe ganz gut zusammen zu passen und aus lauter netten Leuten zu bestehen.

Nachdem alles Organisatorische besprochen worden war, löste sich die Gruppe bald auf, die meisten waren ziemlich müde. Ralle und ich nahmen uns ein Everest mit auf unser Zimmer, allerdings waren wir kein bisschen müde und so fingen wir beide mit unseren Reiseberichten an. Zwischendrin übten wir die Namen unserer Mitwanderer, die ich schon konnte und die sich der Ralle beim besten Willen nicht merken konnte.

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