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Allalinhorn (4027m)
Donnerstag, 09.09.2004

Ich habe zwar nicht das Gefühl schlecht zu schlafen, aber ich wache oft auf, weil einerseits ständig etwas los ist (erst Leute, die aufs Klo gehen, dann welche, die Frühstücken gehen, dann die, die übehaupt gehen) und weil ich andererseits wieder total verschnupft bin (was dazu führt, dass ich am lautesten von allen schnarche, sagt der Ralle).

Ich fühle mich jedenfalls nicht allzu toll, als wir dann auch aufstehen, und als ich im Waschraum mein Gesicht im Spiegel sehe, erschrecke ich ziemlich. Ich bin total aufgeschwollen, ich erkenne mich kaum wieder. Kein Wunder, dass ich die Augen kaum aufkriege. Und ich huste Schleim. Kein gutes Zeichen, das.

Der Ralle schaut mich lang an und meint dann: 'Sollen wir runter gehen.' Oha, ich sehe also noch schlimmer aus, als ich dachte. Nein, zumindest versuchen will ich es. Meine Füsse und das Knie sind ebenfalls geschwollen, erstere passen kaum in die Bergstiefel, letzteres lässt sich nur schwer abknicken.

Wir gehen wieder um 5:30h los. Bis runter auf den Hohlaubgletscher ist der Weg breit und gut zu sehen, dann müssen wir Steinmännle im Dunklen im Geröll suchen und nachher unseren Weg über den unteren Hohlaubgletscher.

Wir kommen genau richtig raus, nämlich an einer Stange, die den Einstieg zum Grat hinauf markiert. Im Führer ist der Hohlaubgrat durchgehend schneebedeckt geschildert. Inzwischen ist der Schnee und der Gletscher so weit zurück gegangen, dass man bis etwa 3500m schneefrei geht, zumindest um diese Jahreszeit.

Der Grat ist genau betrachtet ein Verhau aus grossen Felsblöcken. Bis auf die wenigen Blöcke, die einen zu Tode erschrecken, weil sie sich unvermutet unter einem bewegen, ist der Grat grösstenteil leicht zu gehen. Nur an wenigen Stellen muss man mal ein wenig hinlagen. Mir geht es erstaunlich gut.

Als der Grat zum Firngrat wird, machen wir eine Pause vor dem Aufrödeln. Auch weil ich vor dem Anziehen der Kletterkombination nochmal zum Pinklen muss. Männer haben da ja weniger Probleme, aber wenn ich zwischendrin mal muss, dann muss ich mich erst mal mühsam aus dem ganzen Gerödel schälen und nachher wieder hineinsteigen. Da dauert gleich mal 20 Minuten.

Kaum sind wir im Eis, fällt mir das Gehen schwer. Ich kann kaum glauben wie leicht es war, im Fels zu gehen. Irgendwie habe ich noch keinen passenden Schritt gefunden, den ich im Eis gehen kann.

Als wir an den Sattel kommen, hinter dem es auf blankem Eis steil bergan geht, habe ich eigentlich keine Lust mehr. Es ist noch nicht so, dass ich furchtbar erschöpft bin (ein wenig schon, klar) - ich mag mich einfach nimmer anstrengen. Aber als ich umkehren erwähne, schaut mein Allgäuer so gepeinigt aus, dass ich gleich wieder ruhig bin.

Der Anstieg zum nächsten Sattel schaut gar nicht allzu steil aus, aber wie das bei dem schrägen Blickwinkel bei Anstiegen eben so ist -- er ist ziemlich steil. Das sieht man immer dann, wenn man nach unten schaut (wo man sich dann fest vornimmt, nicht zu stürzen - Pit Schubert beschreibt ja deutlich genug, wie das ist mit Seilschaftsstürzen).

Vor uns sind 2 Seilschaften und wir beobachten, wie beide lange am Einstieg zum Felsriegel rumhängen und es dann alle doch schaffen. Ralle hatte vor diesem Felsriegel nachts schon Alpträume (weil bei Kraftakten er derjenige ist, der als erster durchkommen muss), doch je näher wir kommen, desto erleichterter wirkt er.

'Ach, das sind ja nur 2 Meter.', stellt er fest. 'Und ein Seil mit Knoten hat's da ja auch!', meint er erleichtert. Je näher ich komme, desto mulmiger wird mir. Ja, das sind nur 2 Meter, aber die hängen leicht über. Ganz zu schweigen davon, dass sich dieser Felsriegel auf einem nach beiden Seiten steil abfallenden Firngrat befindet.

Wobei mich das nicht wirklich beunruhigt - es hat nämlich auch Bohrhaken zum Sichern. Mich beunruhigt die Tatsache, dass ich auf 3950m Höhe mit 11 Kilo Gepäck im Rucksack einen Überhang überwinden muss. Ein kleiner zwar, aber ein Überhang!

Wir lösen die Eis-Seilschaft auf und rüsten zum Klettern um. Unser Halbseil ist 70m lang, das macht 35 Klettermeter im Doppelstrang, das ist nicht schlecht. Ralle steigt ein und wuchtet sich am eingeknoteten Seil über den Überhang. 'Hier oben wird's leichter!', ruft er nach unten und baut einen Stand.

'Ja, da oben!', denke ich, 'Aber ich bin hier unten.' Da ich ziemlich schwer bin, ist meine Kletterstrategie seit jeher, alles mit den Füssen zu machen. Dazu reichen mir auch ziemlich kleine Tritte. So sehr ich mich aber umschaue - hier sind keine Tritte im Überhang - jedenfalls nicht auf der Seite, wo das hilfreiche Knotenseil hängt.

Nach ein paar Versuchen, Geschicklichkeit statt roher Gewalt anzuwenden, gebe ich auf. Wenn es denn rohe Gewalt sein muss, dann soll es so sein. Leider bin ich kleiner als die Bergsteiger, für die das Knotenseil gemacht wurde, daher komme ich nach dem ersten Knoten nicht an den nächsten hin. Mit einer halb rutschenden Hand im glatten Seil, greife ich mit der anderen Hand so schnell wie möglich zum nächsten Knoten und erwische ihn grade noch so. Dann muss ich mich 'nur noch' gegen das Seil stemmen und an der Wand hochlaufen, um den nächsten ordentlichen Tritt zu erreichen. Puh!

Geschlagene 5 Minuten brauche ich, um wieder zu Luft zu kommen. Der Rest des Felsriegels ist Pipifax dagegen. Wir sichern zwar weiterhin, aber weniger weger der Schwierigkeit als wegen der Schmierigkeit der Passage.

Und dann sind wir oben. Boah!

Und nochmal Boah! Was für ein Panorama! Direkt vor uns ragt das Matterhorn in den blauen Himmel, rechts sind Alphubel, Täschhorn und Dom, hinter uns Fletschhorn, Lagginhorn und Weissmies und links Fluchthorn, Strahlhorn und Rimpfischhorn. Es sieht so gut aus, dass es kaum zu glauben ist.

Wir machen ausgiebig Pause auf dem Allalinhorn. Es ist ausnahmsweise mal nicht kalt hier oben, so dass es uns nicht gleich wieder weiter treibt. Das Allalinhorn ist von der Metro aus auf einem einfachen Weg in etwa 2 Stunden zu erreichen, daher geht es auf dem Gipfel zu wie uf dem Münchner Hauptbahnhof.

Das Gewusel bietet schöne Studienmöglichkeiten. Eine 3er-Seilschaft hat ihren Seilmittleren mit einer Seilschlinge um den Bauch (!!!) gesichert, ein Pärchen hat zwar Klettergurte an, ist jedoch nur mit einer 5 Meter langen 6mm (geschätzt) Reepschnur verbunden, einer 5er-Seilschaft steigt zwar richtig angeseilt aber in lautstarkem Streit an uns vorbei und ein Bergführer hat 3 ältere Herrschaften (zwischen 60 und 70) in Jeans und Karohemd am Seil. Respekt, denke ich mir.

Schiesslich reissen wir uns doch los und steigen auf dem ausgetretenen Pfad zur Metrostation Mittel-Allalin ab, wo wir uns auf der Sonnen-Terrasse im Sommer-Skigebiet ausgiebig Ruhe, ein Radler und einen grossartigen Blick auf unseren Grat gönnen.

Den ursprünglichen Plan, auch noch den Alphubel zu besteigen haben wir schon gestern Abend begraben. Wir (also ich) sind inzwichen einfach zu kaputt. der Alphubel und die anderen Berge, Lenzspitze, Nadelhorn, Nadelgrat müssen bis zum nächsten Mal auf uns warten. Den Dom besteigt man eh besser von Zermatt aus.

Wir fahren runter, nach Saas Grund, essen nochmal gut im Hotel Alpha und düsen dann nach Hause. Mitternacht sind wir daheim, gehörig kaputt, aber rundrum zufrieden :-)))

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